LIVE-AUFTRITT: MIT HARTWIG KOMAR IM »MEISENFREI BLUES CLUB«


Kontakte entwickeln sich, wenn man sauber arbeitet.

Promoter Hartwig Komar (56) ist der Gründer und Inhaber von »On Stage tour & concert promotion« am Findorffer Standort in der Hamelner Straße. Der Tour-Promoter versteht sich als Dienstleister für die Veranstaltungsbranche und örtlichen Durchführer von Konzerten und Veranstaltungen – speziell im norddeutschen Raum, aber auch im Rest der Republik und im angrenzenden Ausland. Das Repertoire an KünstlerInnen besteht vorrangig aus MusikerInnen und Bands aus den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren, aber auch außergewöhnliche Coverbands wie »The Ramonas« als einzig wahre All Girl Ramones Tribute Band sind dabei. Zudem hat Hartwig Komar eine Kooperation mit einem der letzten Mailorder-Versandhäusern für Musik in Deutschland: »Music Network« vertreibt ausgesuchte CD-Veröffentlichungen exklusiv und stellt diese im Katalog auch in Rezensionen vor. Bei »Hot Shot Records« in der Knochenhauer Straße sind die CD‘s ebenfalls gelistet. Alle 

Vinyl-Schallplatten kann man nur im Shop erwerben. Auf den Konzerten ist immer alles zu haben. Ausführliche  Informationen gibt es auf www.onstage-promotion.de und auf www.soundsbest.de.

 


Hartwig Komar, Sie sind Gründer und Inhaber von »On Stage tour & concert promotion« mit Sitz in Findorff. Wie wird man eigentlich Tour-Promoter und wann hatten Sie die Idee, eine Agentur zu gründen ?

 

Die Voraussetzung dafür ist, dass man einfach musikverrückt sein muss. Mein erstes Konzert habe ich mit 18 Jahren veranstaltet. Die Agentur »On Stage« gibt es unter diesem Namen seit 25 Jahren. Heute ist mein Sohn Leonard der Geschäftsführer, während ich mich um die zweite Firma »On Stage Records« kümmere. Unter diesem Label vertreiben wir Tonträger und DVDs von KünstlerInnen, die ich persönlich sehr mag.

 

Welche Eigenschaften sollte man unbedingt für das heutige Musikbusiness mitbringen ?

 

Man muss den Musikmarkt sehr gut kennen. Erforderlich ist ein tiefes Wissen über die Zusammenhänge im Business. Man sollte angstfrei sein, über die Fähigkeit zur Improvisation verfügen und nicht nur den »Mainstream« im Auge haben.

 

Wie haben Sie sich die Kontakte zu den MusikerInnen und VeranstalterInnen aufgebaut – oder entwickelt sich sowas ?

 

Kontakte entwickeln sich zwangsläufig immer dann, wenn man seriös, transparent und sauber arbeitet. Nur dadurch wird man auch weiterempfohlen. Es ist leider in dieser Branche allerdings nicht unbedingt üblich, dass so gearbeitet wird. Bei mir gab es einen ersten Kontakt zu einem Musiker, der unzufrieden mit dem Promoter seiner Tournee war. Nach dem dritten Bier sagte ich: »Das kann ich besser.« Wenn man das Vertrauen erhält loszulegen und dann fair und zuverlässig arbeitet, ist das wie ein Schneeball, der irgendwann zu einer Lawine wird.

 

Sie betreuen vorrangig Bands und Solisten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, darunter Helden meiner Jugend wie The Godfathers, Chris Spedding, Hugh Cornwell (Ex-Stranglers) oder Russ Ballard. Aber auch aus der Fraktion »Funk« haben Sie Shakatak oder Marceo Parker im Konzert-Repertoire. Dazu kommt mit Extrabreit eine Größe der »Neuen Deutschen Welle« aus den Achtzigern. Once a musician, always a musician: Viele MusikerInnen sind auch Jahrzehnte nach der Dekade, in der sie ihre größten Erfolge feierten, immer noch live gut dabei – und ohne Karrieredruck spielen sie viel entspannter als früher. Ist das so oder täuscht der Eindruck ? 

 

Überwiegend ist das so. Ich habe persönlich noch keine Enttäuschung erleben müssen. Die Bands und KünstlerInnen sind alle noch gut dabei. Natürlich muss man manchmal altersbedingt Abstriche machen. Das bedeutet beispielsweise, dass man nach drei Konzerten auf einer Tour einen Tag Pause einlegt, um die Stimme zu schonen. Das ist auch völlig in Ordnung.

 

Sind Sie als Promoter eigentlich auch immer zugleich ein Fan der Bands, die Sie betreuen ? 

 

Ja, das bin ich. Fan muss man sein. Eine Band, die zwar viel Geld bringen würde, die mir aber nicht liegt, würde ich nie promoten. Der Grund ist ganz einfach: Ich könnte dann meinen Job nicht gut machen. Ich arbeite daher ausschließlich mit MusikerInnen aus den Genres, von denen ich etwas verstehe. Seit meinem 14. Lebensjahr beschäftige ich mich mit Musik. Bis heute ist eine sehr große Sammlung an Vinyl und CD‘s entstanden.

 

In Bremen wurde mit dem »Beat-Club« Fernsehgeschichte geschrieben – rückblickend ein völlig innovatives Fernseh-format, das 1965 gestartet wurde, weil es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine Sendung für englischsprachige Pop-Musik gab und die jungen ZuschauerInnen zu Soldatensendern abwanderten. Bereits vor über 50 Jahren traten im »Beat-Club« auch die Pretty Things auf, die heute von Ihnen promotet werden. Spielt die damalige popkulturelle Pioniertat von Radio Bremen noch eine Rolle, um MusikerInnen zu überzeugen, sich von Ihrer Agentur in Bremen vertreten zu lassen – oder ist der Standort für »On Stage« ziemlich egal ?

 

Der Standort ist diesbezüglich heute völlig egal, weil die große »Beat-Club«-Geschichte heutzutage so wenig öffentlich präsent ist, dass die MusikerInnen sie aus dem Fokus verloren haben. Ein Beispiel: Ich war mit Chris Spedding bei Radio Bremen. Erst im Studio fiel ihm ein, dass er vor vielen Jahren mit Radio Bremen eine Live-Produktion in Bremen aufgenommen hat. Die Platte heißt übrigens »Gesundheit!«. Ich behaupte: Die »Beat-Club«-Geschichte ist ein ungehobener Schatz, mit dem Radio Bremen europaweit strahlen könnte. Der WDR hat es mit der Vermarktung der legendären Rockpalast-Konzerte, die wir als Musikfans in den Siebzigerjahren alle stundenlang bis tief in die Nacht gesehen haben, vorgemacht. 

 

Was war Ihre schönste Anekdote, die Sie mit einer Band, einer Künstlerin oder einem Künstler erlebt haben ?

 

Wir haben noch nie ein Konzert absagen müssen. Toi, Toi, Toi ! Ich hoffe, es bleibt dabei. Aber einmal war es fast so weit: Auf der Solo-Tournee mit Chris Spedding ging auf dem Weg nach Belgien ins »Spiriti of 66« in Verviers bereits in Hamburg der Tourbus kaputt. Wir mussten kurzfristig einen Van mieten, weil wir das Konzert auf keinen Fall absagen wollten. In dem Jahr gab es in Belgien mehrere terroristische Anschläge. Wir hatten ungezählte Verkehrskontrollen und kamen endlich in Verviers an, wo das Publikum treu ausgehalten hatte. Alle Fans hatten auf der Straße gewartet. Sie empfingen uns mit großem Applaus, als unser Van immerhin drei Stunden zu spät endlich vorgefahren kam. Das war als Erlebnis unglaublich toll und ein emotionaler Moment, der mich sehr gerührt hat.

 


Ab und zu verlaufen sich auch jüngere Leute zu uns.

 

Wer in Bremen in die »Rock and Roll-Zeitmaschine« steigen möchte, um Rockmusik live wie früher direkt und unmittelbar zu erleben, ist im wunderbaren »Meisenfrei Blues Club« in der City bestens aufgehoben. Das Meisenfrei ist auch ein bevorzugter Auftrittsort für Ihre KünstlerInnen. Warum ist das so ?

 

Das hat schlicht und ergreifend mit dem passenden Fassungsvermögen zu tun, das man braucht um ein atmosphärisch richtig gutes Konzert zu veranstalten. Niemand hat etwas davon, wenn eine Halle halb leer ist. Außerdem ist das »Meisenfrei« ein Club, der dafür bekannt ist, dass es dort nahezu jeden Tag ein Konzert gibt; ein Angebot, das in Deutschland heute seinesgleichen sucht. Dadurch arbeitet dort für den Konzertbetrieb eine routinierte »Maschine«, wie ich die absolute Professionalität des Teams dort beschreiben würde. Das ist ein großer Vorteil. Auch wichtig: Mit dem Inhaber besteht ein sehr gutes Verhältnis. Wir teilen die gleiche Philosophie und vertrauen uns blind. 

 

Welches Publikum kommt zu den Auftritten »Ihrer« Bands und MusikerInnen: Vorrangig die jungen Fans von damals, die ja mittlerweile zum Teil im Rentenalter sind oder auch jüngere, denen die heute oftmals glatte Musik ihrer eigenen Generation vielleicht eher fremd ist ?

 

Nach meiner Erfahrung ist das Publikum für die von uns veranstalteten Konzerte 40 plus. Aber ab und zu verlaufen sich zu den Konzerten auch jüngere Leute, die irgendwie und durch welchen Einfluss auch immer zu uns gefunden haben. Vielleicht haben sie durch die Eltern oder einen guten Musiklehrer Zugang zu analoger Live-Musik bekommen, die sie dann auch richtig gut finden – wer weiß es so genau. Heute gibt es mittlerweile durchaus auch einen Markt für sogenannte »neue« Retro-Rockbands, wobei auch die nicht unbedingt ein jüngeres Publikum finden, das mit Rockmusik bisher nichts am Hut hatte, sondern Retro-Rock ist einfach ein weiteres Genre im Business.

 

Als kostenlose Zugabe: Ihr Konzerttipp für den Dezember ?

 

Man sollte sich Montag, den 3. Dezember 2018 im Rockkalender notieren. An diesem Tag werden die Hardrock-Fans auf ihre Kosten kommen. Dann steht mit Tony Franklin ein in Deutschland eher unbekannter, aber sehr hochkarätiger Musiker mit seiner Band im »Meisenfrei Blues Club« auf der Bühne. Er ist berühmt für sein bundloses Bassspiel. Viele Stars haben seine Dienste in Anspruch genommen – darunter Whitesnake, David Gilmour von Pink Floyd oder Kate Bush, um nur einige zu nennen. Zum Jahresabschluss sollte man am Samstag, den 29. Dezember »Extrabreit« im Bremer Lagerhaus erleben. Ich sage nur »Hurra, Hurra, die Schule brennt!«, »Polizisten« oder »Flieger, zeig‘ mir die Sonne«. Diese unverwüstliche Band zelebriert ihren unvergleichlichen Punk-Hardrock ganz wie in den goldenen Zeiten der damals völlig angesagten »Neuen Deutschen Welle« in den frühen Achtzigerjahren.

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Thomas BorchardtInterview erschienen in Ausgabe Nr. 8, 2018

 

© Thomas Borchardt
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