Georg Gersberg ÜBER PERSÖNLICHEN WANDEL UND FAIREN HANDEL


Alles im Leben hat seine Zeit.

»Georgs Fairkauf« in der Admiralstraße 143 hat das Anliegen, zu besseren Lebensbedingungen für die Menschen unserer Welt beizutragen. Im Sortiment gibt es Kaffee von Utamtsi, Tee und Schokolade sowie Brotaufstriche und Öle. Das Kunsthandwerk besteht aus Taschen, Schmuck, Papierprodukten und mehr. Seit drei Jahren erweitert Georg Gersberg den Bereich mit bio und fair produzierter Kleidung, bspw. von »Armedangels«, »Living Crafts« und »thought«. www.georgs-fairkauf.de

 


Sie sind der Inhaber von »Georgs Fairkauf« und verkaufen in Findorff seit 2013 fair gehandelte Lebensmittel, Kleidung und Kunsthandwerk. Ihr Geschäft kennen die meisten FindorfferInnen, aber was kaum jemand weiß: Bevor Sie Fairtrader wurden, haben Sie lange als Schäfer gearbeitet. Das klingt nach zwei völlig verschiedenen Welten – quasi »vom Aussteiger zu Geschäftsmann«. Wie kommt man vom einen zum anderen ?

 

Zwei völlig verschiedene Welten sind das eigentlich nicht. Aber die Bezeichnung »Aussteiger« passt. Ich bin schon damals nach dem zwölften Schuljahr aus der Schule ausgestiegen. Zu der Zeit mischten sich »Die Grünen« in das politische Geschehen ein und ich wollte einen Beruf im Bereich Umweltschutz erlernen. Schließlich stieß ich auf die Schäferei. Ich ließ mich zum Schäfer ausbilden und zog in die Diepholzer Moorniederung. Dort weidete ich Schafe zur Renaturierung eines großen Moores. Insgesamt war ich knapp 30 Jahre lang Schäfermeister. Wenn man so lange den gleichen Beruf ausübt, stellt sich mit der Zeit sehr viel Routine ein. Also entschloss ich mich, die Schäferei aufzugeben. Allerdings wollte ich nicht einfach irgendein Geschäft eröffnen, sondern ich wollte etwas mit »Hintergrund« machen. Das war mit der Schäferei ja auch gegeben: Der Hintergrund war Naturschutz. Und heute ist es bei »Georgs Fairkauf« fairer Handel. Beide Berufe haben also etwas gemeinsam. Die Naturschutzarbeit ist allerdings sehr regional, während der faire Handel auch Länder in Übersee betrifft. So kann ich auch auf der anderen Seite der Erde ein klein bisschen Einfluss nehmen.

 

Der Beruf des Schäfers ruft bei vielen sofort sehr romantische Vorstellungen von Idylle, Harmonie und Freiheit hervor ...

 

Der Freiheitsgedanke ist schon ganz richtig, weil der Beruf des Schäfers sehr individuell ist. Ich hatte zwar keinen selbstständigen Betrieb, aber ich habe sehr selbstständig gearbeitet und konnte eigenständige Entscheidungen treffen. Schäferromantik gibt es auch. Das Frühlingserwachen ist zum Beispiel wirklich schön, wenn die Schafe mit den Lämmern aus dem Stall kommen oder wenn man in der Dämmerung im Moor steht. Das Licht ist einzigartig. Da wird man schon mal ein bisschen sentimental. Hin und wieder kamen Busse mit Touristen, die dann auch alle am liebsten Schäfer werden wollten. Aber es ist eigentlich auch ein sehr harter Beruf. Man muss sich jeden Tag wieder neu überwinden, gerade in der kalten Jahreszeit, wenn man bei jedem Wetter raus muss. Man hat wenig freie Zeit. Ich hatte meistens eine Auszubildene oder einen Auszubildenen und habe später mit einem Gesellen zusammengearbeitet. Dadurch konnten wir uns absprechen, wann wer frei hatte.

 

Was heißt »Fairtrade« für Sie ?

 

Fairer Handel unterscheidet sich vom konventionellen Handel dadurch, dass die Hersteller der Produkte einen gerechten Lohn und eine soziale Absicherung erhalten. Kinderarbeit ist ausgeschlossen. Die Produzenten verdienen genug Geld, um sich eine Krankenversicherung leisten zu können und ihre Kinder in die Schule zu schicken. Vor der Globalisierung möchte ich mich nicht verschließen, aber die könnte auch gerecht ablaufen. Das ist aber nicht so: Meistens machen die großen Unternehmen die großen Profite. Für die ist die Globalisierung richtig toll. Die kleineren Produzenten würden auf der Strecke bleiben, wenn es den fairen Handel nicht gäbe. Ich selbst kaufe fair, wo immer es geht. Kleidung und Kaffee zum Beispiel – da sitze ich ja an der Quelle. Doch nicht alle Nahrungsmittel werden auch im fairen Bereich angeboten. Dann achte ich darauf, zumindest Bio-Qualität zu kaufen. Bei regionalen Produkten kann man in der Regel von gerechten Produktionsbedingungen ausgehen, da wir hierzulande bestimmte Bio-Standards haben.

 

Wie hoch ist die Nachfrage nach fair gehandelten Produkten ? Sind die etwas, wofür die Leute gerne ihr Geld ausgeben ?

 

Es müsste sehr viel mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. Nur drei bis fünf Prozent von dem, was wir heutzutage konsumieren, sind tatsächlich Bio-Produkte. Wenn man in Findorff lebt, denkt man, es wäre mehr, weil hier so viele Geschäfte Bio-Lebensmittel verkaufen, aber das täuscht. Produkte aus fairem Handel werden noch viel seltener angeboten. Es wäre Aufgabe der Politik, dafür ein bisschen mehr Werbung zu machen. Der teurere Preis für fair gehandelte Waren ist eigentlich der reguläre Preis, den wir nur nicht mehr zu zahlen bereit sind. Zum Beispiel scheinen 5,00 bis 6,00 Euro für 250 Gramm Kaffee erstmal teuer, doch dafür wurde der dann ökologisch produziert und auch auf ökologischen Wegen statt mit dem Flugzeug mit dem Schiff zu uns gebracht. Diese Art von Produktion und Handelsweg rechtfertigt den Preis, während ein stark vergünstigter Preis der ist, mit dem etwas nicht stimmen kann. Genauso funktioniert Massentierhaltung ja auch nur, weil das Fleisch unter tierunwürdigen Bedingungen hergestellt wird. Ich denke, dass sich der Trend weiter zu fairem Handel hin bewegen wird. Zu Bio gibt es nachweislich eine Tendenz und Fairtrade zieht da meistens nach. Ich hoffe, dass es eines Tages auch kleine Fairtrade-Warenhäuser geben wird.

 


Der faire Handel füllt mich voll und ganz aus.

 

Sie arbeiten mit Kleinproduzenten aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Kennen Sie die alle persönlich oder wie entstehen die Kontakte ?

 

Nein, die Kleinproduzenten kenne ich nicht persönlich. Die großen Fairhandelsgenossenschaften wie »El Puente«, »GEPA«, »GLOBO« und »dritte welt partner« stehen in Verbindung zu den Produzenten. Persönliche Kontakte kann man gut auf Fairttrade-Messen knüpfen. Zum Beispiel verkaufe ich Geschenkpapier aus Nepal von einer Frau, die dreimal im Jahr zu ihren Produzenten fährt, um direkt vor Ort zu bestellen. Man könnte natürlich in die Produktionsländer reisen, aber dazu bin ich nicht mehr jung genug. Das hätte ich wahrscheinlich gemacht, wenn ich nicht erst Schäfer geworden wäre, sondern direkt mit dem fairen Handel angefangen hätte.

 

Was hat Sie gerade nach Findorff gezogen ?

 

Ich wohnte vorher mit meiner Familie in einem anderen Stadt- teil von Bremen, doch da gefiel es mir nicht besonders. Wir haben uns hier nach einer neuen Wohnung umgeschaut und auch relativ schnell etwas gefunden. Die Leute hier sind alle super nett und schnacken auch mal mit den Nachbarn. Ich dachte, in dem Stadtteil, wo ich wohne, könnte ich auch einen Laden eröffnen. Ich habe mit meinen Schäferaugen Ausschau gehalten und hatte dann das Glück, dass dieses Geschäft frei wurde, weil die Vormieterin, die hier ein Blumengeschäft geführt hatte, in Rente gegangen war.  

 

Vermissen Sie es manchmal, nicht mehr Schäfer zu sein ?

 

Alles hat seine Zeit. Wo ich früher gearbeitet habe, ist die Herde mittlerweile vergrößert worden. Das bedeutet heutzutage viel mehr Aufwand. Bei dem klimatisch bedingten unbeständigen Wetter wird die Herausforderung von Jahr zu Jahr größer. Eine weitere Schwierigkeit: Der Wolf ist hier mittlerweile heimisch geworden. Dadurch hat die Schäferei an Arbeitsintensität gewonnen. Man muss sich zu den Hütehunden noch Herdenschutzhunde halten. Um die Schafe nachts einzuzäunen, braucht man heute besonders hohe Elektronetze, deren Aufbau einen erhöhten Mehraufwand bedeutet. Ich sehne mich nicht nach etwas zurück, was mir früher Spaß gemacht hat. Jetzt macht mir etwas anderes Spaß. Der faire Handel füllt mich voll und ganz aus.

 

Interview: Leona Ilgner, Foto: Kerstin Rolfes, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 6, 2018

 

© Kerstin Rolfes
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