Textilien, PFLEgeprodukte, Esoterik & Wohnaccessoires IM Concept Store


Wir wollen Nachhaltigkeit wieder ›sexy‹ machen.

»teilzeithippie« ist nicht nur der Name des Concept Stores, sondern zugleich auch der Lifestyle von von Kerstin Posch und John Hellmich – auch in der eigenen medialen Selbstinszenierung. Fotografische Impressionen von dem Bali-Trip der beiden gibt es auf »Instagram«. Mehr Informationen gibt es auch auf »facebook«. Der Concept Store »teilzeithippie« ist in Findorff in der Admiralstraße 125 zu finden. Sich online im Shop inspirieren lassen und Produkte bestellen kann man im Internet auf www.teilzeithippie.com  

 


Kerstin und John, was unterscheidet einen »teilzeithippie« von den ersten Hippies der Sechzigerjahre ?

 

Kerstin: Wir sind heute ziemlich stark durch unsere Gesellschaft geprägt, so dass wir auf westliche »Luxusgüter«, wie eine funktionierende Toilette, nicht verzichten wollen. Aber auch wir versuchen heute Zeichen zu setzen;  für Nachhaltigkeit, gegen Massenkonsum und das Leben im Hamsterrad und für ein Leben mit der Natur,  Liebe, Toleranz und moderner Spiritualität. 

 

John: Wir leben ganz klar im kapitalistischen System, dem wir uns auch in gewisser Weise hingeben, versuchen aber, wo wir können, diesem aus dem Weg zu gehen, indem wir nachhaltig, ökologisch und bewusst leben. Vor allem eine pflanzenbasierte Ernährung ist uns sehr wichtig.

 

Kerstin, Du bist Social Media Beraterin und hast angestellt in einem Unternehmen gearbeitet. Wie bist Du gemeinsam mit John auf die Idee gekommen, auf Bali Eure eigene Marke zu gründen und 2018 in Findorff ein Ladengeschäft zu eröffnen ?

 

Kerstin: Wir haben uns erstmals 2016 in Minden getroffen, uns einen Monat später auf Bali wiedergesehen – und dort kennen und lieben gelernt. Während unserer Zeit auf dieser paradiesischen Insel haben wir auch regelmäßig Fotos und Insidertipps auf unserem Instagram-Kanal »longhairfreakypeople« geteilt. Ich war ganz verliebt in die Muster der traditionellen Sarongs der Einheimischen. Wir hatten die Idee, aus den Stoffresten ein Hemd für John schneidern zu lassen. Wir wurden dann online und auch vor Ort von FreundInnen und TouristInnen auf das tolle Hemd angesprochen. Daraufhin haben wir direkt reagiert und noch mehr Kleidung in dem Stil schneidern lassen. 

 

John: Inmitten der Reisfelder auf Bali haben wir eine ganze Nacht überlegt, ob man daraus mehr machen könnte –  und was ein passender Markenname wäre. Auf »longhairfreakypeople« sind wir irgendwann gekommen, weil wir irgendwie auch so aussahen.

 

Kerstin: Wir haben zuvor nur online verkauft. Auf Dauer war das sehr unpersönlich und der Kontakt zu den KundInnen hat mir gefehlt. Gerade esoterische Produkte brauchen Erklärung. In der Admiralstraße 125 können wir auch Menschen erreichen, für die unsere Lebensphilosophie vielleicht noch fremd ist. Es ist so schön zu sehen, wenn Menschen in unseren Store kommen und in eine andere Welt eintauchen. Ihre Geschichten, ihr Lächeln, ihren Dank: Diese Reaktionen hat man online nicht.

 

Bei Euch gibt es Textilien, Pflegeprodukte, Esoterik und Wohnaccessoires. Was ist ein »Ethical Lifestyle Concept Store« ?

 

Kerstin: Ein »Ethical Lifestyle Concept Store« ist quasi ein moderner Tante-Emma-Laden. Der Unterschied ist allerdings, dass wir ausschließlich fair gehandelte und hochwertige Produkte abseits der Massenware führen. 

 

Euer Slogan heißt »Passion for Design and Love for Mother Earth«. Nach welchen Kriterien wählt Ihr Produkte aus ?

 

John: Die Auswahl erfolgt nach einem klaren Konzept. Wenn man bei uns einkauft werden damit zum Beispiel Familien, KünstlerInnen oder kleine Start-Ups unterstützt und nicht das fünfte Ferienhaus von irgendjemandem finanziert.

 

Kerstin: Wir verkaufen nur faire, nachhaltige und ökologisch hergestellte Produkte. Dafür steht »Love for Mother Earth«. Für mein Künstlerherz müssen die Produkte natürlich auch schön anzuschauen sein. Dafür steht »Passion for Design«. Wir wollen Nachhaltigkeit wieder »sexy« machen. Wir versuchen bei den ZuliefererInnen durchzusetzen, dass sie bei der Verpackung auf Plastik verzichten. Wir stehen schließlich auch für »Zero Waste« und versuchen jeden Verpackungsmüll zu vermeiden.

 

John: Wir möchten die paradiesische »Baliwelt« mit ihrer besonderen Ästhetik durch »teilzeithippie« in Findorff wieder erschaffen.

 

Woher importiert Ihr Produkte, die zu Eurer Marke passen ?

 

John: Wir erhalten unsere Produkte in erster Linie aus Deutschland. Die Produkte von weiter weg sind Einzelstücke, die wir von unseren Reisen mitbringen. Wir lassen grundsätzlich keine Waren einfliegen.

 

Kerstin: Manche Produkte endecken wir auch im Alltag bei Menschen, die kreativ sind, aber vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie KünstlerInnen sind. Über »Instagram« habe ich auch schon wirkliche Schätze für unser Sortiment gefunden. 

 

Euer Store gehört auf den ersten Blick ins »Viertel«. Warum habt Ihr Euch für Findorff als Standort entschieden ? 

 

John: Ausschlaggebend war der Mietpreis. Mir tut es als An- fänger und Existenzgründer weh, im Bremer »Viertel« für einen kleinen Laden unglaubliche Mieten zu zahlen. Es kamen nur Findorff oder die Neustadt infrage. Wir haben uns dann aber sehr schnell vom Findorffer Charme einfangen lassen.

 

Kerstin: Das »Viertel« würde sehr gut passen, aber Findorff wirkt auf mich viel familiärer. Ich liebe dieses dörfliche Flair. Wir haben in so kurzer Zeit schon viele StammkundInnen.

John: Wir haben uns schon während der Ladenrenovierung wie zuhause gefühlt. Die Tür ging gar nicht mehr zu. Von allen Seiten wurde uns Hilfe angeboten. Zur Begrüßung wurden uns unter anderem Blumen, Schnaps und Ananas geschenkt.  

 

Gibt es in Findorff genug Hippies, die bei Euch einkaufen?

 

John: Ja, ich kann sagen: Teilzeithippies gibt es im Stadtteil auf jeden Fall. Gefühlt sind hier viele Menschen im Kern noch Hippies. 

 


Seid wild und frech und wunderbar !

Kerstin: Viele Menschen kommen in den Laden und es entstehen schöne und intime Gespräche. Sie erzählen mir ihre Geschichten, heimlichen Wünsche und Träume. Es ist wunderschön, dass unser kleiner Platz, den wir hier geschaffen haben, die Leute inspiriert: Seid wild und frech und wunderbar !

 

John: Ob jung oder älter: Bei uns fühlen sich alle wohl ! Die einen schwelgen in Erinnerungen an ihre Jugend und die anderen entdecken Neues. In vielen von uns schlummert ein kleiner, rebellierender Hippie – und davon gibt es in Findorff viele.

 

Ihr vermarktet Euer Label, das über den Onlineshop weltweit präsent ist, sehr aktiv auf »Instagram«. Warum »Instagram« und welche Kanäle nutzt Ihr noch ?

 

John: Ich war bezogen auf »Instagram« anfangs etwas skeptisch. Aber über bestimmte Hashtags gibt es einfach unglaubliche Möglichkeiten, potentielle KundInnen zu erreichen. Das ist über diesen Kanal wirklich einzigartig. Es kommen zu uns tatsächlich von weit über Findorff hinaus Leute in den Laden, die sagen: »Wir haben Euch auf ›Instagram‹ entdeckt.«

 

Kerstin: Über den Hashtag »fairfashion« zum Beispiel finden uns genau die Leute, die sich für bewussten Konsum interessieren. Es gibt Leute, die sagen uns, »teilzeithippie« sei für sie der Grund gewesen, um nach Bremen zu kommen. Das ist natürlich eine kleine, große Ehre für uns. 

 

Die Hippies der Sechzigerjahre standen für eine radikale Ablehnung des sinnentleerten Massenkonsums. Euer Projekt »teilzeithippie« muss Gewinn machen, damit es möglich ist, davon auch zu leben. Dafür müsst Ihr wunderbare Dinge verkaufen, die schön sind, die man aber nicht unbedingt braucht. Wie konsumiert man im Jahr 2019 richtig ?

 

Kerstin: Wir sind selbstverständlich gegen sinnlosen Konsum. Wichtig ist es, nachhaltig zu leben und auf Produkte zu setzen, die im besten Fall ein ganzes Leben lang halten. Bei uns gibt es auch einige Produkte, die auf Dauer Wegwerfartikel ersetzen – und es kann auch sinnvoll sein, Dinge gebraucht zu kaufen. 

 

John: Dazu gehört auch, Kaputtes nicht einfach weg zu werfen, sondern zu reparieren oder reparieren zu lassen.

 

Wenn man auf @longhairfreakypeople in Eure digitalen Fotoalben schaut, erkennt man, dass Ihr Euren eigenen Hippietraum lebt, öffentlich zelebriert und vermarket. Seid Ihr schon

so frei und mutig aufgewachsen oder war »Hippie werden« eine Gegenreaktion, weil Eure Eltern eher bürgerlich waren ?

 

Kerstin: Nein, wir haben beide richtige Öko-Mamas. Viele Menschen trauen sich nicht, ihre Träume zu leben. Ich habe schon als Kind gelernt zu hinterfragen und zu fühlen – das hat mich geleitet und darüber bin ich dankbar. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass noch mehr Menschen den Mut haben, dem Hippie in sich mehr Raum zu geben und ihre Träume auch zu leben. Vielleicht sollten wir eine »teilzeithippie-Kommune« gründen, wenn ich so darüber nachdenke. John, der heute jeden Morgen um 5:00 Uhr den Tag mit Yoga beginnt und Mantras singt, hat aber früher tatsächlich in einer Bank gearbeitet.

 

John: Obwohl wir beide uns lange gegen die Erziehung unserer Mütter gewehrt haben, hat diese letztendlich doch gefruchtet.

 

Vor über 50 Jahren feierten die Hippies auf einer Wiese in Woodstock ein legendäres Musikfestival unter dem Motto »Love and Peace and Happiness«. Welches Motto möchtet Ihr den LeserInnen für das neue Jahr mit auf den Weg geben ?

 

Kerstin: »Love more, think more.« Die Leute sollen endlich aufhören, Angst zu haben und in ihrem Leben anfangen, das zu tun, was sie wirklich glücklich macht.

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Vicky Baumann