AUF EINEN KAFFEE MIT MICHAEL ERNST IN DER »LILIE«


Ich hangele mich wie Tarzan von Liane zu Liane.

Michael Ernst ist gebürtiger Findorffer. Bereits in seiner Schulzeit war er Chorleiter der Jugendgruppe »Ten Sing«. In Hamburg besuchte er die »Joop van den Ende Academy«, wo er sich in Schauspiel, Tanz und Gesang ausbilden ließ. Es folgten zahlreiche Engagements für Musicals wie »Dirty Dancing«, »West Side Story» und »Anything Goes». In »Hairspray« trat er mit Maite Kelly und Uwe Ochsenknecht auf. Ernst ist auch als Synchronsprecher für Filme und Serien tätig. Seit 2014 ist er zudem als Sänger mit der Band »Whatasound« unterwegs. Obwohl Berlin seit sieben Jahren seine Wahlheimat ist, ist der junge Künstler regelmäßig in Findorff anzutreffen, wo er seit 2005 ein erfolgreiches Chorprojekt leitet. Zuletzt war Michael Ernst am Stadttheater Bremerhaven engagiert. Mehr Informationen unter www.michaelernst.net und www.chorworkshops.de 

 


Michael, Du bist in Findorff geboren und aufgewachsen und hast hier in jungen Jahren einen Chor aufgebaut und geleitet, den es noch gibt. Am Anfang Deiner Karriere hast Du Dich in Hamburg zum Musicaldarsteller ausbilden lassen. Wann wusstest Du, dass Du Künstler werden willst ?

 

Nach dem Krieg haben meine Großeltern ein Theater aufgemacht. Die waren eigentlich keine Schauspieler, brauchten aber Arbeit. Später hat mein Großvater bei Ernst Waldau die Gastronomie geleitet, während mein Großonkel den kaufmännischen Bereich abdeckte. Dadurch hatte ich immer Verbindungen zum Theater und wollte schon immer spielen. Ich hatte auch Lust zu singen und habe in der Kirche im Kinderchor gesungen. Es gab auch Momente, in denen ich Feuerwehrmann werden wollte. Aber mit zwölf wusste ich dann schon, was es werden sollte.

 

Viele träumen davon ins Showgeschäft einzusteigen, aber das erweist sich dann nicht selten als »brotlose Kunst«. Was haben Deine Eltern gesagt ? Junge, lerne lieber etwas Richtiges ?

 

Meine Eltern haben mir nie Steine in den Weg gelegt. Ganz im Gegenteil: Sie haben mich einfach machen lassen. Ich glaube, sie haben gemerkt, dass es mein Ding ist. Sie haben mich finanziell unterstützt und gesagt, wenn du denkst, das ist das Richtige, dann mach es einfach – und das habe ich gemacht.  

 

Du bist Schauspieler, Musicaldarsteller, Sänger in einer Band, arbeitest als Synchronsprecher und hast Werbespots gedreht. Muss man heute als Künstler breit aufgestellt sein, um finanziell über die Runden zu kommen ? 

 

Je breiter du aufgestellt bist, desto mehr Chancen hast du, um Geld zu verdienen. In der Ausbildung hatte ich mit Schauspiel, Tanz und Gesang ja drei Sparten und konnte einfach sehr viel machen. Synchronsprechen war eine Farbe davon. Es war eine weitere Möglichkeit etwas auszuprobieren, das funktionierte. Genauso wie das Theater, die Werbespots oder jetzt meine Band. Ich glaube, wenn du heute als Kreativer nicht breit aufgestellt bist, dann ist es hart. Es gibt so viele talentierte Menschen und durch Medien wie »YouTube« gibt es so einen Overload an Leuten, die schnell bekannt werden. Die Konkurrenz schläft nicht. Du musst zusehen, dass du viele Eisen im Feuer hast.

 

Falls diese Karriere nicht klappen sollte: Gibt es den »Plan B« ?

 

Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf. Wenn ich zum Beispiel wegen einer Verletzung nie wieder in einem Musical tanzen könnte, kann ich immer noch synchron sprechen. Deswegen mache ich mir keine großen Sorgen, dass »Plan B« irgendwann einmal notwendig sein wird. Wenn mein »Plan A« nicht aufgegangen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich Lehrer geworden. Oder ich hätte zumindest beruflich irgendetwas gemacht, bei dem es um pädagogische Arbeit geht – gerne etwas mit Behinderten. Aber zum Glück ging »Plan A« auf. 

 

Als darstellende KünstlerInnen berühmt werden wollen viele. Welche Deiner Talente heben Dich von der Menge ab ?

 

Jeder, der im Entertainment arbeitet, ist im besten Fall er selbst. Ich bin ich und das hebt mich ab von den anderen. Ich glaube, dass ich eine sehr individuelle Ausstrahlung habe. Aber ich kann jetzt nicht sagen, dass ich ein besserer Sänger bin oder viel authentischer spiele als die anderen. Ich gehe unverstellt meinen Weg und glaube, so lange ich das mache, bin ich schon anders als andere.

 

Dein Beruf ist ja kein sicherer Behördenjob, sondern eher Hochseilartistik ohne Netz. Glaubst Du, dass man bestimmte Eigenschaften für das Showgeschäft mitbringen sollte ?

 

Man braucht ein sehr gutes Durchhaltevermögen. Du musst eine Art von Mauer aufbauen können gegen Einflüsse, die dir eventuell schaden. Und du brauchst einfach eine große Portion Talent. Sonst kannst du noch so sehr probieren und studieren, aber dann hat es nicht den Effekt, den du gerne hättest. Du musst am Anfang wirklich kein Vollprofi sein, aber da muss einfach etwas da sein.

 

Was ist Dein Traum ? Was möchtest Du unbedingt erreichen ? 

 

Ich bin Sternzeichen »Fische«. Die schwimmen ja immer mit dem Strom. Ich bin kein großer Astrologe, aber ich habe das Gefühl, dass mein Sternzeichen mich schon ein bisschen prägt. Wenn es mir irgendwo gefällt, bleibe ich ein bisschen. Wenn es mir nicht mehr gefällt, schwimme ich weiter. Ich habe kein großes Ziel, wo ich hin will. Ich hangele mich eher wie Tarzan von Liane zu Liane.

 

Gibt es KünstlerInnen, die Dich inspirieren ?

 

Für mich sind Menschen spannend, die das machen, was für sie tatsächlich wichtig ist. Ich finde Lady Gaga faszinierend. Ich kannte sie nur als diese Pop-Kunstfigur und konnte damit überhaupt nichts anfangen. Aber seit ein paar Jahren entwickelt sie sich in eine viel persönlichere Richtung. Ich bewundere, wie sie diesen Wandel schafft. Sie ist toll, weil sie so echt und pur ist.

 

Was hältst Du von Castingshows wie »Deutschland sucht den Superstar« ? Sind solche Formate für junge Talente hilfreich ?

 

Ich stehe nicht besonders auf diese Formate. Ich mag dieses typische »Dieter-Bohlen-Gedisse« nicht. Mir gefällt nicht, wie die Sender das zusammenschneiden, sodass die ZuschauerInnen manipuliert werden, wie sie über bestimmte KandidatInnen denken sollen. Aber ich finde es geil, dass man in den Castings Stimmen hört, die man sonst vielleicht nicht hören würde. Zum Beispiel Alexander Klaws: Der war ja damals der erste Gewinner von »Deutschland sucht den Superstar«. Alex, der einige Monate mit mir in der Ausbildung war, spielt heute in total vielen Musicals – und ich freue mich, dass so jemand über »DSDS« die Chance bekommen hat, überhaupt gesehen zu werden.

 


Es ist gut, dass da immer noch ein Kribbeln ist.

 

Bei dem Wort »Musical« denken viele erstmal an Glamour ...

 

Das Gemeine ist, dass das Publikum immer nur die Vorstellung mitbekommt. Viele haben nicht auf dem Schirm, wie man zuvor monatelang seine Partie studiert hat. Du fängst damit an zu verstehen, worum es in dem Stück geht. Ich lerne Texte. Ich lerne Noten. Du beschäftigst dich mit dem Komponisten, mit dem Autor, mit dem Regisseur. Dann kommen die Proben. Bis alles perfekt ist, dauert es ewig. Während der Proben verlierst du wahrscheinlich nochmal drei Kilo, weil du so schwitzt. Man kann den ganzen Tag nicht duschen und dann hast du natürlich noch Anproben für Make-Up, Haare und Kostüm, aber nach endlosen Tagen willst du nur noch nach Hause und schlafen. Das ist der Teil, der gar nicht glamourös ist – und der ist wesentlich länger als der glamouröse Teil. Aber weil der glamouröse Teil so toll ist, machst du diese Tortur einfach mit. 

 

Hast Du auch als Profi vor dem Auftritt noch Lampenfieber ?

 

Lampenfieber im klassischen Sinne ist so eine Art Schockstarre. Die habe ich nicht mehr, außer vielleicht vor einer Premiere. Es ist gut, dass da immer noch ein Kribbeln ist. Das adrenalingesteuerte Fünkchen Nervosität sorgt dafür, dass du von Null auf Hundert sofort da bist, wenn Du auf die Bühne gehst.

 

Was machst Du als Ausgleich zu Deinem Beruf  ?

 

Ein enger Freund, der für die Lufthansa arbeitet, nimmt mich manchmal mit auf seine Flüge. Dadurch reise ich wahnsinnig viel und schaue mir die Welt an. Das ist ein toller Ausgleich. Neue Kulturen kennenzulernen gibt mir als Künstler Input. Außerdem liebe ich Kaffeetrinken. Ich liebe es hinaus zu gehen, mich in schöne Cafés zu setzen und ein Buch zu lesen. Das ist mein kleiner Ruhepol. Sonst bleibt leider nicht viel Zeit.

 

Neben Deinen vielen Projekten singst Du auch in der Band »Whatasound«. Was findest Du daran besonders reizvoll  ?

 

Im Prinzip ist es eine »Freunde-Band«. Wir sind zur Hälfte Berufsmusiker und zur Hälfte haben wir andere Jobs. Wir spielen größtenteils im Bremer Raum. Dadurch ist es einfacher, ZuschauerInnen zu akquirieren. Es ist kein Plattenlabel dahinter. Das ist toll, weil wir machen können, was wir wollen. Die Band ist für mich ein guter Ausgleich und Anlass, um ab und zu aus Berlin herauszukommen. Es ist keine Band zum Geldverdienen. Wir machen das auf der Hobby-Ebene professionell, aber es wird sicherlich keine Japan-Tournee geben (lacht). 

 

Du wohnst in Berlin, leitest aber weiterhin ein Chorprojekt in Findorff. Bist du im Herzen immer noch Findorffer ?

 

Ja, unbedingt ! Ich habe damals in der Martin-Luther-Kirche im Gospelchor gesungen. Als ich dann zur Ausbildung nach Hamburg ging, fehlte mir die Chorarbeit sehr. Deshalb habe ich 2005 angefangen ein Chorprojekt auf die Beine zu stellen. Das Projekt läuft jetzt seit zwölf Jahren sehr erfolgreich. Mittlerweile reisen sogar Leute aus Hannover und Hamburg an. Das ist schon eine große Ehre und Bestätigung.

 

Rückblickend betrachtet: Haben Deine frühen Erfahrungen geholfen, um genau die Energie zu entwickeln, die es brauchte, aus dem gemütlichen Bremen aufzubrechen, um für Deine Karriere nach Hamburg und Berlin zu gehen ?

 

2003 haben wir hier eine Jazz-Band gegründet. Wir hatten etwa alle drei Wochen einen Gig – und das über viele Jahre. Dadurch haben wir die verschiedensten Leute und Locations in Bremen kennengelernt. Weil Bremen so klein ist, hat man hier größere Chancen, wahrgenommen zu werden. Mir hat sehr geholfen, dass man in kleinen Läden spielt und sich ausprobieren kann. Unerfahren wie ich anfangs war, konnte ich einfach Gas geben und herausfinden, was ich leisten kann und was Bremen abkann.

 

Was ist für Dich das Schönste an Deinem Beruf  ?

 

Mir gefällt dieses Wachbleiben, weil du als Künstler immer wieder völlig neue Sachen lernen musst und dich in deiner Branche immer wieder an neue Menschen anpasst. Durch dieses Gefühl bin ich am Leben. Weil es einfach nicht aufhört. Alles pulsiert so durch. Ich arbeite in Projekten. Wenn eines abgeschlossen ist, ist es vorbei. Dann kommt wieder ein neues Projekt. Diese ständige Abwechslung brauche und genieße ich sehr.

 

Interview: Leona Ilgner, Foto: Marta Urbanelis, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 5, 2018

 

© Marta Urbanelis
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