Tom Grote moderiert FÜR RADIO »BREMEN ZWEI« DIE SENDUNG »DER MORGEN«


Ich habe keine Angst zu sagen, ich weiß das nicht.

Tom Grote, geboren 1967, ist neben Anja Goerz einer der Moderatoren von »Bremen Zwei«, dem Kulturprogramm von Radio Bremen. Sprachlich aufgeweckt und wortwitzig zugleich moderiert Grote in der Woche von 6:00 Uhr bis 10:00 Uhr die Sendung »Der Morgen«. Es gibt Nachrichten, Wetter, Verkehr, gute Musik und Interviews, die von Tom Grote soft und hartnäckig zugleich geführt werden. In seiner zweiten Existenz arbeitet er nach eigener Aussage »selbst und ständig« als freier Autor, der in seinem Leben schon an vielen Orten gewohnt hat – auch in »Wolfsburg«, der Stadt, die so heißt, wie sein erster Roman und in der es »schön grün« ist. Was hat das mit Findorff zu tun ? Tom Grote lebt während der Arbeitwochen hier in einer Wohngemeinschaft. 

 


Hallo Tom Grote, es ist Montag 14:00 Uhr Findorffer Ortszeit. Wann sind Sie heute morgen aufgestanden ?

 

Mein Wecker klingelt kurz vor 4:00 Uhr. Das ist die normale Zeit, wenn ich Dienst habe.

Morgenmuffel darf man bei einer Sendung, die »Der Morgen« heißt, wahrlich nicht sein.

 

Schwarzer Kaffee ohne Ende oder kurzes Jogging im Bürgerpark: Wie werden Sie schnell fit, um die HörerInnen in den ersten Tagesstunden für sich zu gewinnen ? 

 

Zwei Dinge sind dafür wichtig. Erstens: Man darf sich nicht mit irgendwelchem Selbstmitleid abgeben. Wenn man anfängt, darüber nachzudenken »Oh nee, ist das früh...«, dann hat man schon verloren. Ich verbiete mir das. Zweitens: Man muss ein Morgenmensch sein. Es gibt Morgen- und Nachtmenschen. Ich bin schon immer gern früh aufgestanden und wenn Du kein Morgenmensch bist, kannst Du diesen Job nicht machen; jedenfalls nicht über mehrere Jahre. Ich könnte das auch nicht machen, wenn ich es als Arbeit empfinden würde. Es gibt ja dazu einen sehr schönen Satz, den ich sehr mag: »Wenn es dir Spaß macht, dann gehst du nicht einen Tag in deinem Leben zur Arbeit.« Das finde ich auch.

 

Wie sieht nach Ende der Sendung Ihr Tagesablauf aus? Steht Mittagsschlaf an ?

 

Direkt nach dem Ende haben wir für »Bremen Zwei« noch eine Konferenz, in der wir die Sendung und das, was ansteht, kurz besprechen. Dann fahre ich zurück und frühstücke. Frühstücken geht während der Sendung natürlich nicht. Zuhause schlafe ich ein wenig. Mittagsschlaf muss schon sein. Spätestens um 16:00 Uhr bin ich wieder im Sender und wir bereiten »Der Morgen« für den nächsten Morgen vor. Sieben Tage die Woche heißt es: viel Radio – wenig Privatleben.

 

Welche Fähigkeiten sind wichtig, um mehrere Stunden durch eine Radiosendung zu führen? Ist es Talent, eine fundierte Ausbildung als Journalist oder kann man Moderator auch durch »learning by doing« werden ?

 

Alles zusammen! Ich will damit aber nicht sagen, das ich jetzt besonders talentiert wäre; um Gottes Willen! Ich habe beim NDR volontiert und eine gute journalistische Ausbildung genossen. Gleichzeitig war ich auch immer Praktiker – und praktische Erfahrungen sind wichtig. Wichtig ist natürlich auch, das man sich über lange Zeit konzentrieren kann. Bei vier Stunden »Der Gute Morgen« musst Du Dich gut konzentrieren können und kannst nicht einfach sagen: »Ich gehe jetzt kurz um den Block«.

 

Wenn Sie mit »Der Morgen« vier Stunden in »Echtzeit« auf Sendung sind, kann live jederzeit Überraschendes passieren; peinliche Versprecher oder man beginnt einen Satz und

bekommt ihn nicht zu Ende. Wie schaffen Sie es, gleichzeitig hoch konzentriert und sehr locker zu moderieren ?

 

Ganz einfach: indem ich nichts vorlese. Ich lese keine Texte vor. Ich bin kein Sprecher, sondern ich höre meinen Gästen zu, wenn wir Gespräche führen. Ich stelle mir vor, ich sitze mit Frau Bundesministerin zusammen in der Kneipe und frage sie: »Was sagen Sie dazu ?« Ich habe auch keine Angst zu sagen, ich weiß das nicht, wenn ich etwas nicht weiß. Ich habe da nicht irgend so einen Nimbus, so und so müsste ich sein, sondern ich bin so. Ich versuche im Radio niemand zu sein, der ich nicht bin.

 

Wie entscheidend ist die Redaktion im Hintergrund ? 

 

Ohne eine gute Redaktion geht es überhaupt nicht. »Der Gute Morgen« ist zum größten Teil ihre Leistung. Es ist ja nicht so, das wir über dem Sender schweben und sagen: Wir machen jetzt einmal eine Morgensendung, sondern das »Bremen Zwei« hat ja eine bestimmte Philosophie, an Themen heranzugehen. Unsere Aufgabe ist es auch nicht, Nachrichten zu wiederholen. Wir bilden deshalb auch nicht die »Tagesschau« ab, sondern wir schauen darüber hinaus. Wir sagen: Es passiert etwas in der Welt und wir suchen zum Thema einen etwas anderen und für unsere Hörer interessanten Zugang. Es sind die Planer in der Redaktion, die bei uns den »Knochenjob« machen: Sie müssen die Sendung in kürzester Zeit vorbereiten. Sie müssen für die tagesaktuellen Themen schnell gute Gesprächspartner finden. 

 

Welchen Spielraum hat ein Tom Grote, der ja mit Namen und seiner Stimme für die Sendung steht, bezogen auf die Auswahl von Themen und Gästen ? 

 

Es ist keineswegs so ist, das ich in der redaktionellen Planung komplett herausfallen würde. Auch ich kann mit Themen oder Gesprächspartnern ankommen, aber diese Aufgabe ist ganz klar die Arbeit der Redaktion. Ich bin in erster Linie die Person, die das, was »angeliefert« wird, gedanklich durchläuft, überdenkt und am Ende kommt »Der Morgen« mit Tom Grote heraus.

 

Was war bisher live auf Sendung die größte Herausforderung ?

 

Jede Sendung ist eine Herausforderung. Niemals etwas auf die leichte Schulter nehmen ist jeden Morgen die Herausforderung. Man darf nicht denken, das schüttele ich heute locker aus dem Ärmel. Dann geht es garantiert schief. Vor und in der Sendung kann alles Mögliche passieren: Interviewpartner, die verschlafen haben, sind nicht da. Handys klingeln, während der Interviewpartner mit mir telefoniert. Die Nachrichtenlage kann sich über Nacht doll verändern. Man kommt am Samstag morgen in den Sender und hat am Abend zuvor gehört, es hat in Paris eine kleinere Schießerei gegeben. Man denkt sich: Schlimme Sache, aber nichts für uns. Am nächsten Morgen stellt sich aber heraus, das Ereignis hat eine ganz andere Dimension, als gedacht. Dann muss man einfach alles umbauen. Auch Pannen können vorkommen. Mir ist früher einmal passiert: Wir konnten aufgrund von einer plötzlichen Panne keine Beiträge mehr in die sogenannte digitale »Sendeablaufsteuerung« schieben. Es gab nur noch die Jingles. Ich führte gerade mit jemanden ein Interview und danach war einfach Nichts mehr da. Der Produzent krähte mir ins Ohr: »Mach was!«. Und da haben wir was gemacht. Wir haben dann ein Interview nach dem anderen geführt. Während ich ein Interview geführt habe, hatte der Produzent mir auf den Kopfhörer gesagt, jetzt kommt der und der. Frag den irgendwas. Nach fast zwei Stunden kam die Chefin des damaligen Senders in die Redaktion geschlendert und hat gefragt: »Findet Ihr nicht, dass ihr heute ein bischen viel Interviews habt?« Sie hatte unsere Probleme gar nicht bemerkt. Das war dann schon ein großes Kompliment. Pannen können passieren und sind nicht schlimm. Nichts ist spannender für die Hörer als Pannen. Ich hatte schon Kinder in »Der Morgen«, die während des Interviews auf einmal ihren Papa sprechen wollten. Der gab mir aber gerade ein Interview am Telefon. In der Situation habe ich gesagt: »Wollen Sie nicht eben fragen, was ihr Kind will ?« Und das hat der Papa dann auch gemacht. Wenn Unerwartetes passiert, dann sollte man die Situation ganz einfach transparent machen. Erkläre es den Hörern, was passiert. Und wenn das Kind den Papa sprechen will, gehe ich davon aus, das unsere Hörer mit großen Ohren zuhören und sich fragen: Was will der Kleine wohl ?

 


Findorff erlebe ich als sehr angenehm.

 

Neben Ihrer Tätigkeit als Journalist haben Sie Bilderbücher für Erwachsene, einen Ratgeber und einen sehr unterhaltsamen Roman geschrieben. In »Wolfsburg« wird der Protagonist Jan, der aus der coolen Metropole Berlin kommt, mit großem Vergnügen von Ihnen als Autor den Spießigkeiten in der niedersächsischen Autostadt ausgesetzt. Haben Sie das selbst so erlebt ?

 

Das ist ein Roman. Soviel kann ich aber sagen: Ich bin nicht mein »Held« und mein Held ist nicht ich, aber der ist trotzdem ganz viel ich.

 

Im Vorgespräch haben Sie erzählt, das Sie sich mit dem Buch »Wolfsburg« nicht nur Freunde gemacht haben. Sprechen übertriebene Reaktionen auf einen letztendlich fiktionalen Roman nicht für den Wahrheitsgehalt der Beschreibungen von Menschen, die cool und offen sein wollen, es aber nicht wirklich sind ? 

 

Es gab auch Menschen, die nicht mochten, was ich geschrieben habe. Das ist absolut in Ordnung. Aber dann hat man mir gesagt: Da ist schon ein Funken Wahrheit in der Geschichte, worauf ich erwidert habe: »Da ist kein Funken, sondern ein Großbrand Wahrheit in der Geschichte.« Wenn Du in Wolfsburg in das Rathaus gehst, laufen dort Werbefilme für Wolfsburg. Ich finde: Eine Stadt die es nötig hat, an dieser Stelle zu erzählen, wie cool sie ist, kann nicht wirklich cool sein. 

 

Sie leben während der Arbeitswoche in Findorff, das auch eine eigene Welt für sich ist. Findorff ist offen und freundlich, aber ab und zu trifft man auch auf »Stadtteilgrößen« mit einem ausgeprägten, lokalpatriotischen Habitus, der dann schon wieder ungewollt komisch ist. Wie nehmen Sie den Stadtteil als »Zugezogener« mit dem Blick von außen wahr ?

 

Findorff erlebe ich als sehr angenehm. Ich hatte hier gleich das für mich sehr seltene Gefühl, in einem intakten »Kiez« gelandet zu sein. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die keinen »Rumtata-Patriotismus« heraushängen lassen, sondern einen positiven Lokalpatriotismus pflegen. Diese Art finde ich schön. Es war kein Gerede, sondern es war Tun. Diese Leute haben mir gesagt: Ich bestelle meine Bücher nicht im Internet. Ich gehe drei Straßen weiter in die Buchhandlung. Wenn in Findorff ein neues Restaurant aufmacht, gehe ich da hin. Und Bitteschön: Du musst dieses besondere Eis essen, das wie Sahne schmeckt. Ich habe es gegessen.

 

Haben Sie, außer im Studio natürlich, »Lieblingsorte«, an denen Sie sich in der Freizeit besonders gern aufhalten ?

 

Ich finde den Bürgerpark wunderbar. »Port Piet« am Torfhafen und die »Lilie« sind toll und in Findorff gehe ich auch sehr gern spazieren. Der Stadtteil hat eine so angenehme Atmosphäre – und außerdem den schönsten Wochenmarkt Bremens. Alles ist nah. Ich mag das.  

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Kerstin RolfesInterview erschienen in Ausgabe Nr. 1, 2017

 

© Kerstin Rolfes
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