MAThias Rätsch über DAS Statement der FINDORFFER GESCHÄFTSLEUTE E.V.


Fragwürdiger Budenzauber

Sanierungsbedürftige Schulen? Fehlende ErzieherInnen in Kindergärten? Leerstände im Findorffer Einzelhandel? Oder notfalls: mieses Wetter? Momentan ist für Einige scheinbar das große Aufregerthema im Stadtteil ein anderes: Der Pachtvertrag für das beliebte »Winterdorf« wurde nicht verlängert. Für Findorff ist das »Aus« zunächst einmal bedauerlich, zumal das Areal am Schlachthof in den letzten Jahren mit dem Winterdorf sowie mit weiteren Veranstaltungen wie Open Air Kino, Public Viewing und dem Eisfest Bremen kreativ belebt wurde. Anderseits ist auch das Auslaufen lassen des Pachtvertrags seitens des Kulturzentrum Schlachthof e.V. nachvollziehbar, zumal eine Kommunikation auf menschlicher Gesprächsebene zur Regelung der Streitpunkte zwischen Vermieter und Pächter schon seit längerer Zeit nicht mehr gegeben war. 

 

Der Kulturverein Schlachthof übt sich auch nach einem aktuellen Artikel im Weser Kurier unter dem Titel »Kritik an Schlachthof-Vorstand: Findorffer Geschäftsleute und Bürger wollen Kneipe retten« weiterhin in Zurückhaltung. Er bleibt bei seiner Position und schreibt in Ergänzung zur ersten Stellungnahme: »Auch wenn im Moment über alle Medienkanäle viel Druck auf uns ausgeübt wird, werden wir unsere Haltung nicht ändern: Wir äußern uns öffentlich nicht zu den internen Auseinandersetzungen mit den Pächtern der Schlachthofkneipe. Alles andere ist unseriös.« 

 

Beide Seiten haben versichert, über die ersten Stellungnahmen hinaus eine weitere öffentliche Auseinandersetzung zu vermeiden. Zurückhaltung auf beiden Seiten war ursprünglich eine ziemlich gute Absicht. Doch aufgrund der Berichterstattung im Weser Kurier als Folge eines Statements der Findorffer Geschäftsleute e. V. auf facebook zur Beendigung des Pachtvertrags für das »Winterdorf« zwischen dem Kulturverein Schlachthof e.V. und den Geschäftsführern der Schlachthofkneipe GmbH ist es damit offensichtlich vorbei – und vor allem zu einem Statement der im Stadtteil organisierten Findorffer Geschäftsleute e.V. auf facebook stellen sich einige Fragen.

 


Ist diese Aussage nicht vielleicht etwas anmaßend ?

 

Im Namen der Findorffer Geschäftsleute e. V. wird in dem Text öffentlich gefordert: »Wir wünschen uns, dass der Beirat Findorff und die für das Kulturzentrum zuständige Kulturbehörde alle Beteiligten an einen Tisch bringt und eine konstruktive Lösung im Sinne aller Findorffer*innen erarbeitet werden kann.«  

 

Das klingt erstmal gut und verbindend, aber man sollte den Satz schon zweimal lesen. Eine konstruktive Lösung im Sinne aller FindorfferInnen? Der Verein der organisierten Findorffer Geschäftsleute hat knapp 70 Mitglieder. Frage: Ist diese Aussage nicht vielleicht etwas anmaßend? Weder sollte man ungefragt im Namen aller FindorfferInnen sprechen, noch ist der größte Teil der Geschäftsleute in Findorff in besagtem Verein organisiert. Die Mitgliederzahlen stagnieren seit Jahren – und es ist auch davon auszugehen, dass den größten Teil der 25.000 Menschen im Stadtteil ein Streit um einen nicht verlängerten Pachtvertrag nur mäßig bis gar nicht interessiert – inklusive der zahlreichen Gastronomen in Findorff, die meines Wissens noch nie auf die Idee gekommen sind, bei internen geschäftlichen Konflikten den Beirat direkt oder indirekt aufzufordern, einzugreifen. Wie absurd wäre das denn auch?

 

Entscheidend aber ist: Wie kommen ausgerechnet die Findorffer Geschäftsleute e.V. oder ein Teil von ihnen dazu, sich zu den geschäftlichen Streitigkeiten zwischen zwei Vertragspartnern derart öffentlich zu positionieren? Und selbst wenn man diese Vorgehensweise gut und solidarisch finden würde, bleibt die Frage: Was wäre denn aus Sicht der Findorffer Geschäftsleute e.V. ganz konkret angesichts jahrelanger Konflikte zwischen den Geschäftspartnern überhaupt eine konstruktive Lösung in diesem Streitfall – und wenn man sich jetzt mit einem öffentlichen Statement medial als vermeintlich neutraler Vermittler inszeniert: Warum hat man in den vergangenen Jahren nicht selbst frühzeitig den Versuch gestartet, »alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen« ?

 

Aber der Vorgang wird noch interessanter: Bei genauerer Betrachtung ist zu fragen, ob der Vorstand und Teile der Findorffer Geschäftsleute e.V. sich bezogen auf geschäftlichen Streitigkeiten zwischen zwei Vertragspartnern haben instrumentalisieren lassen, zumal einer der Geschäftsführer der Schlachthofkneipe GmbH zugleich Werbewart im Vorstand des Vereins der organisierten Geschäftsleute ist – und formal die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins verantwortet – besagter Werbewart ist damit auch mit verantwortlich für das gepostete Statement als Schlichtungsversuch zu den Vertragsstreitigkeiten in eigener Sache. Diese Tatsache wird in der veröffentlichten Stellungnahme allerdings verschwiegen und an keiner Stelle transparent gemacht. Auch dem Weser Kurier muss da etwas entgangen sein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

 

Inzwischen wurde bekannt, das alle Mitglieder des Vereins gar nicht vor der Veröffentlichung des Statements bspw. per E-Mail befragt wurden, aber im Namen aller Mitglieder kommuniziert wurde (Zitat: »Wir, die Mitglieder der ältesten Werbegemeinschaft Bremens, die Findorffer Geschäftsleute e.V., bedauern das Ende der Zusammenarbeit zwischen dem Kulturzentrum Schlachthof und den Pächtern der Schlachthofkneipe außerordentlich...«) statt die tatsächlichen UnterstützerInnen wie bei derartigen Aufrufen üblich einfach namentlich aufzuführen. 

 

Auch ist spätestens seit der letzten Beiratssitzung des Fachausschuss Wirtschaft am 12. Februar völlig klar, dass die Forderung einer Vermittlung an die Adresse des Beirats, dem die 1. Vorsitzende der Findorffer Geschäftsleute e.V. zugleich als Beiratsmitglied im Fachausschuss Wirtschaft angehört, formal gar nicht zu erfüllen ist – wie sowohl die Sprecherin des Fachausschuss als auch die Vertreterin des Ortsamtes in Anwesenheit der 1. Vorsitzenden in ihrer Funktion als Beiratsmitglied auf genau jener Sitzung ihr und allen Anwesenden eindringlich erklärt haben. Auf dieser Sitzung war übrigens auch als Gast der Geschäftsführer der Schlachthofkneipe GmbH, die das »Winterdorf« betreibt,  um höchst emotional seine Enttäuschung gegenüber dem Beirat zum Ausdruck zubringen. Außerdem war genau 1 (in Worten: ein) Unterstützer anwesend, der sich gegenüber den Beiratsvertretern nachdrücklich für den Erhalt des Winterdorfs ausgesprochen hat. Von einer engagierten Bürgerbewegung, die das Winterdorf retten will, war an diesem Abend, als das Thema unter »Stadtteilangelegenheiten« auf der Tagesordnung stand, jedenfalls nichts zu merken.

 


Subtile Formulierungen

 

Ebenso fragwürdig bleibt, dass das Statement der Findorffer Geschäftsleute gut getimed ca. 30 Minuten vor Beginn der besagten Sitzung auf facebook öffentlich gepostet wurde – wo es trotz der spätestens seit dem 12. Februar bekannten Information bezogen auf die Unmöglichkeit einer Vermittlung des Beirats auch Wochen später immer noch unverändert online steht. Man möchte mit Herbert Grönemeyer fragen: »Was soll das?«.

 

Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, wieso das Statement nicht ausschließlich auf der offiziellen Internetpräsenz der Findorffer Geschäftsleute e. V. www.findorff.de eingepfegt wurde, sondern auf facebook – und warum man mit subtilen Formulierungen wie »Es ist sehr schade, dass ein (zurecht!) von unser aller Steuergeldern finanziertes Kulturzentrum nicht im Sinne der Findorffer Bürger*innen handelt und unser l(i)ebenswertes Findorff in Sachen Aktivitäten und Gemeinschaft um viele Jahre harte Arbeit zurückwirft.« ein Bashing des Kulturvereins Schlachthof e. V. (und nebenbei des Findorffer Beirats) inklusive der öffentlichen Diskreditierung von Jahrzehnte lang gut geleisteter kultureller Arbeit für Findorff und Bremen in den Kommentaren offensichtlich billigend in Kauf nimmt. Das Kultur und Kulturzentren mit Steuergeldern finanziert werden, ist in Deutschland und in Bremen trotz knapper Mittel immer noch eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich keiner Erwähnung bedarf, aber offensichtlich war es wichtig, in dem Statement im Zusammenhang mit dem Kulturzentrum Schlachthof irgendwie das Reizwort »Steuergelder« unterzubringen. 

 

Formulierungen im Statement wie der zitierte Satz zeigen in den Kommentaren der User Wirkung. Undifferenzierte Äußerungen ohne tatsächliches Hintergrundwissen wie »In den Jahren vor den jetzigen Pächtern gaben sich die Vorgänger fast jährlich die Klinke in die Hand. Wenn der Trägerverein des Kulturzentrums nicht imstande ist diese Kneipe zu verpachten, dann sollte Immobilien Bremen das selbst übernehmen. Das Gebäude gehört der Stadt, weshalb überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wieso Beirat und Behörde durch ihre Nichteinmischung den Verein bei dieser unsinnigen Entscheidung unterstützen.« sind das Ergebnis der von Teilen der Findorffer Geschäftsleuten e. V. gestarteten öffentlichen Aktion, die nunmehr eine von niemanden gewollte öffentliche Schmutzkampagne eher befördert – wirklich keine gute Voraussetzung, um eine »konstruktive Lösung im Sinne aller Findorffer*innen zu erarbeiten«, wobei die nach Jahren interner Konflikte zwischen Verpächter und Pächter sowieso vermutlich längst unmöglich geworden ist. 

 

Das Kulturzentrum Schlachthof e. V. schriebt dazu in Ergänzung zur ursprünglichen Stellungnahme (Namen der Geschäftsführer hier nicht genannt) auf seiner Internetpräsenz: »Vielleicht sollten diejenigen, die uns jetzt so beschimpfen mal innehalten und für einen Moment den Gedanken zulassen, dass wir gute Gründe dafür haben XXX und XXX keinen neuen Vertrag anzubieten. Außerdem steht es jeder und jedem frei, bei uns vorbeizukommen, wir sind gern gesprächsbereit, soweit es sich nicht um rechtlich relevante Belange handelt.«

 


Höchste Zeit, das der Beirat Findorff spätestens jetzt öffentlich wahrnehmbar offiziell Stellung bezieht

 

Fazit: Es ist höchste Zeit, das der Beirat Findorff nach dem fragwürdigen »Budenzauber« von Teilen der Findorffer Geschäftsleute e. V. nicht nur auf einer schlecht besuchten Beiratssitzung, sondern spätestens jetzt Stellung bezieht auf öffentlich wahrnehmbaren Kanälen, die viele FindorfferInnen auch erreichen, wie in der lokalen Tagespresse, auf »facebook« oder aber auf einer Seite des Beirats Findorff auf der Internetseite des Ortsamts West – und in einer offiziellen Mitteilung des Beirats fundiert und nachvollziehbar erklärt, warum man sich in eine juristische Auseinandersetzung zwischen Geschäftspartnern nicht einmischen kann – und der 1. Vorsitzenden der Findorffer Geschäftsleute e.V in ihrer Rolle als Beiratsmitglied im Fachausschuss Wirtschaft intern klar macht, dass ein derartiges doppeltes Spiel gegenüber den Beiratsmitgliedern der anderen Parteien nicht nur im Fachausschuss Wirtschaft inakzepabel ist.

 

Das man dem Autor dieser Zeilen auf der facebook-Seite der Findorffer Geschäftsleute e. V. die Kommentarfunktion blockiert hat – geschenkt! Wer immer dafür verantwortlich ist: Öffentlicher Diskurs, den man mit einem Statement ja vermutlich erreichen wollte, geht jedenfalls anders – aber auch der Vorgang einer Sperrung beinhaltet eine Botschaft. Er zeigt, dass man im Vorstand zum Teil mit anderen Meinungen offensichtlich nicht wirklich umgehen kann; im Gegensatz zum Verein: Dort können viele Mitglieder zwischen Person und Sache trennen und mit kritischen Meinungen gut umgehen. Auch der Kulturverein Schlachthof e.V. verhält sich übrigens wesentlich souveräner – und lässt auf der eigenen facebook Seite in der Diskussion zum Thema »Winterdorf« in den Kommentaren alle Meinungen zu. 

 

Mathias Rätsch ist Herausgeber von FINDORFF GLEICH NEBENAN, der Stadtteilzeitschrift für Handel, Dienstleistung, Kultur und Politik. Der Diplom-Designer, Texter und Kommunikationswirt ist Initiator des Stadtteilportals www.findorff-gleich-nebenan.de und hat vor zehn Jahren auch mit das Stadtteilportal www.findorffaktuell.de  für die Initiative »Leben in Findorff« eingerichtet. In Findorff größter facebook-Gruppe postet er außerdem regelmäßig und freiwillig die Termine der Sitzungen des Beirats Findorff. Warum? Die Antwort ist einfach: Einer muss es ja machen.


 

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