TRAVESTIEKÜNSTLERIN SALLY WILLIAMS lebt ziemlich unerkannt in Findorff


Hauptsache »  bunt und bewegt sich« reicht nicht mehr.

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Sally Williams ist eine professionelle Travestie-Künstlerin, die mit mittlerweile 39 Jahren bundesweiter Bühnenerfahrung für ungezählte Auftritte auf den Kleinkunstbühnen Deutschlands steht. Aber nicht nur ! Ob Cabaret, Gala-Show, Firmen- oder Privatfeier – das Bremer Original weiß jedes Publikum mit Comedy und Gesang zu begeistern. Privat lebt Sally Williams ziemlich unerkannt seit vielen Jahren in Findorff. Marcel Kueck hat mit Sally Williams für FINDORFF GLEICH NEBENAN ein Interview geführt. Mehr Infos über die Travestiekünstlerin finden sich auch unter www.agentur-goldau.de/Sally

 

 


Sally, sagen wir, wie es ist: Cher konnte nicht, Madonna wollte nicht – und dann kam es ganz dicke für FINDORFF GLEICH NEBENAN: Du hattest Zeit! Jetzt schmückst du unsere aktuelle Titelseite im Engelskostüm und wir müssen sagen: Eleganter geht es nicht! Wie hast du unser Covershooting erlebt ?

 

Vermutlich hatte ich auch den kürzesten Weg (lacht) ! Das Shooting selbst hat unglaublichen Spaß gemacht. Es war eine großartige Erfahrung und ich bin schon sehr auf das Endergebnis gespannt. Das habe ich nämlich noch nicht gesehen.

 

Inwiefern ist so ein Covershooting nach mittlerweile 39 Jahren Bühnenerfahrung für dich noch etwas Besonderes ?

 

Naja, auch nach 39 Jahren auf der Bühne wird man nicht ständig für ein Cover abgelichtet. Vor allem in Bremen durfte ich bisher erst einmal die Titelseite eines Magazins schmücken,

weshalb das Shooting mit FINDORFF GLEICH NEBENAN auch etwas ganz Besonderes war. 

 

Besonders war auch die Wahl deines Outfits. Wie viele Unikate hast du inzwischen in deinem Kleiderschrank hängen ? Das müssen ja unzählige sein …

 

Ja, der Fundus wird im Laufe der Zeit immer größer, wobei ich mich erfreulicherweise vor vier, fünf Jahren wirklich einmal durchringen konnte und die Abteilung »vielleicht passe ich ja doch wieder rein« aussortiert habe. Es gab jedoch auch mal dieses Horror-Erlebnis in Nürnberg, wo mir ganz fantastische Outfits gestohlen worden sind. Da hat mir das Herz wirklich geblutet ! Letztlich war es jedoch eine schöne Motivation, um neue atemberaubende Kleider zu shoppen. 

 

Jetzt bist du jedoch nicht nur schön auf Zeitschriftencovern anzuschauen, sondern begeisterst vor allem als vielseitige Travestiekünstlerin. Wie fühlt es sich während der Pandemie an, wenn statt Theatervorhang nur noch der Duschvorhang fällt ?

 

Für uns KünstlerInnen ist die Pandemie natürlich ein echter Fauxpas. Man wird von heute auf morgen mit Dingen konfrontiert, die man sich so nie hätte vorstellen können. Und dennoch nehme ich viel Positives aus dieser Zeit mit. Ich engagiere mich seither zum Beispiel für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und betreue hilfsbedürftige Menschen. Einmal die Woche gehe ich mit einem älteren Herren spazieren, der sonst niemanden mehr hat: Das erfüllt mich auch auf eine gewisse Art und Weise. Ich habe ja aktuell die Zeit und weshalb die dann nicht sinnvoll nutzen ! ?

 

Lass uns jetzt einmal an den Anfang deiner Karriere springen. Dafür war nämlich ein absolutes Bremer Original verantwortlich: Madame Lothár.

 

Jein. Also die Kunstfigur »Madame Lothár« gab es damals ja noch nicht. Das war einfach Lothar. Er war Wirt eines ganz kleinen schwulen Lokals in Bremen. Aufgebrezelt wie Liza Minnelli bin ich zu einer Freimarktsparty gegangen, habe zu »New York, New York« die Hüften schwingen lassen und mein Idol gemimt. Lothar hat mich gesehen und direkt gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Silvester einen kleinen Auftritt zu geben – und so nahm meine Karriere dann ihren Lauf. Erst waren es fünf, sechs kleine Shows bei ihm und anschließend auch außerhalb seines Lokals deutschlandweit.

 

Was Lothar dir lange krumm genommen hat …

 

Das hat er ! Lothar war immer sehr einnehmend und konnte recht knauserig werden, wenn es nicht nach ihm ging. Als ich gegangen bin, unter anderem wegen dieser Eigenschaften, hat es viele Jahre gedauert, bis wir uns wieder in die Augen sehen konnten. Es war der »Denver Clan« live, könnte man sagen (lacht). Jedoch wäre »Madame Lothár« niemals geboren, wenn ich ihn damals nicht verlassen hätte. An seinem 80. Geburtstag habe ich ihm nochmal sagen können, wie dankbar ich ihm bin und dass seine Unterstützung mich sehr glücklich gemacht hat.

 

In einem Interview hast du gesagt, dass du damals einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort warst. Glaubst du, dass es in der Travestiewelt heutzutage schwieriger ist, diesen Ort zu finden ?

 

Definitiv ! Wir sprechen ja von 1985, und da war die Travestie ein gänzlich neues Gebiet. »Mary und Gordy«, ein Duo, das im deutschen Fernsehen sehr bekannt werden sollte, hatte gerade seinen Durchbruch erlebt, so dass die Neugierde auf uns KünstlerInnen dementsprechend hoch war. Heute ist diese Form der Unterhaltung längst etabliert. In den großen Städten wie Hamburg oder Berlin kann man ohne großen Namen mit der Travestie auch kein Geld mehr verdienen. Wenn du versuchst, für eine Party gebucht zu werden, wirst du mit der Gage sofort um mindestens die Hälfte von anderen KünstlerInnen unterboten. So läuft das ab. Hauptsache »bunt und bewegt sich« reicht nicht mehr für eine Karriere. Das reicht für eine Weile als Drag Queen. Aber für eine Karriere in der Branche musst du was Besonderes, was Eigenes haben und doppelt so hart arbeiten. 

 

Das »Schnürschuh Theater Bremen«, in welchem du mit deiner Kollegin Joline Ready erst Ende Oktober auf der Bühne standest, glaubt an deine künstlerische Arbeit. Es ist ein ganz besonderes Theater für dich, richtig ?

 

Ja, weil dieses Haus sehr viel Vertrauen in mich setzt. Seit 2013 gibt es eine wunderbare Zusammenarbeit zwischen uns. Damals habe ich dort mein erstes Musical auf die Bretter gebracht und das Haus hat mir die Bühne dafür gegeben. Seither habe ich also immer wieder ein Heimspiel, wenn ich dort auftrete.


In London auftreten wäre ein Traum.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass du in Bremen und umzu bereits auf allen Bühnen gestanden hast, die deine High Heels tragen konnten: Gibt es dennoch Bühnen, auf denen du gerne mal spielen würdest ?

 

Ich denke da nicht so sehr an Bühnen, aber gegebenenfalls an Orte. Ich hatte eine Freundin, die nach London gezogen ist, die Stadt, von der ich immer gehofft habe, dass man dort einmal irgendetwas organisieren könnte. Für einen Auftritt in London wäre es mir auch nicht um die Gage gegangen, sondern einfach um das Feeling – und um den EngländerInnen zu zeigen, was ich für eine Rampensau bin. Diese Chance hat sich aber leider nie ergeben, weil sich die richtigen Connections nicht finden lassen haben. Aber in London auftreten wäre tatsächlich ein Traum, den ich gerne mal verwirklichen würde. Ich bin bisher dreimal dort gewesen und liebe die Kulturszene. Ich mag vor allem die Menschen und diese Vielfalt – eine ganz großartige Metropole, finde ich.

 

Du sprachst gerade von der Rampensau in dir. Braucht die private Sally auch Applaus, bevor sie am Frühstückstisch erscheint ?

 

Das wäre doch mal etwas ! Nein, auf der Bühne legst du natürlich immer nochmal eine Schippe drauf. Aber im Grunde steckt in den meisten Shows und Auftritten sehr viel von der privaten Sally. Ich bin also nicht diese Art von Typ, die sich nach dem Auftritt abschminkt und völlig introvertiert, saft- und kraftlos durch die Gegend irrt. Ich bin auch privat sehr präsent und, ohne jetzt überheblich klingen zu wollen, ist es eigentlich egal, ob ich die Show-Sally oder die private Sally bin. Wenn ich einen Laden betrete, kriegen die Leute das mit.

 

Bedeutet diese Beschreibung deiner Person, dass du privat auch lieber als Sally unterwegs bist ?

 

Immer ! Dazu muss ich jedoch auch sagen, dass ich das bin, was man heute auf neu-deutsch »divers« nennt. 

 

Wie schwierig war es, in der damaligen Zeit einen Begriff dafür zu finden ?

 

In jungen Jahren wusste ich nur: Ich bin kein richtiger Junge. Das war ich nie. Und dann musste ich erst mal herausfinden, dass ich auch kein Mädchen bin. Als ich gerade neu in der Szene war, rieten mir viele, dass ich mich doch umoperieren lassen solle, weil ich mich so feminin geben würde. Aber das war nie mein Ding. Ich war halt immer irgendwie zwischen den beiden Geschlechtern. Und das bedeutet für mich eben auch, dass ich, wenn ich ausgehe, als Sally unterwegs bin.

 

Also bleibt die ungeschminkte Sally ein Mysterium ?

 

Meine engen FreundInnen wissen schon, wie schrecklich ich ohne alles aussehe, aber mein gesellschaftliches Leben findet im Grunde genommen nur als »Sally von ihrer besten Seite« statt.

 

Trotzdem wohnst du so wie du bist unerkannt im eher beschaulichen Findorff. Wieso ?

 

Das liegt einerseits natürlich daran, dass ich mich für Besorgungen nicht eine Stunde lang in ein Outfit schmeiße. Im Alltag bleibe ich ungeschminkt und auch unerkannt. Selbst ganz enge Bekannte erkennen mich nicht mehr auf der Straße. Die Situationen hatte ich schon einige Male. Es ja ist auch kein Geheimnis, dass ich adoptiert wurde und ich die ersten drei Jahre meines Lebens fast vollständig hier gelebt habe. Erinnern kann ich mich zwar nicht dran – trotzdem ist es irgendwie ein bisschen »back to the roots«. 

 

Erlebst du Findorff als liberal und aufgeschlossen oder würdest du es als kleinbürgerlich und konservativ beschreiben ? 

 

Die konservative Seite von Findorff stirbt ja allmählich aus. Eigentlich sind das nur noch die alten FindorfferInnen, die auch schon vor 15 Jahren alt waren. Aktuell erlebe ich den Stadtteil ein bisschen im grün-liberalen Wandel. Und dementsprechend ist es auch in Findorff ein sehr angenehmes und entspanntes Leben. Ich habe hier keine Probleme.


Ich mag Weihnachtssongs sehr gern.

Probleme hast du sowieso eher selten. In einem Interview hast du mal gesagt, dass sich die Menschen eigentlich immer mit dir verstehen …

 

Weil sie merken, dass ich keine »Transenshow« abziehe, wie ich das in meinem Slang jetzt sagen würde. Sie merken, dass ich einfach ich bin. Ich habe mit so vielen unterschiedlichen Szenarien und Menschen zu tun gehabt, dass ich mir inzwischen eine wirklich gute Menschenkenntnis angeeignet habe. Ein Freund von mir arbeitet zum Beispiel in einer Skinhead-Kneipe. Da bin ich eines Abends einfach mal rein, weil ich ihn auf der Arbeit besuchen wollte. Für mich war es das Selbstverständlichste überhaupt, aber den acht, neun Typen, die da an der Bar saßen, ist bei meinem Anblick alles aus ihren Gesichtern gefallen. Und als ich Sekt bestellt habe, meinte sder Kleinste von ihnen, sich vor seinen Kumpels profilieren zu müssen. Er fing dann direkt mir gegenüber mit persönlichen Beleidigungen an. Ich habe mich auf meinen High Heels zu ihm umgedreht, zwei Köpfe nach unten geschaut und gesagt: »Wir setzen uns jetzt an den Tisch dort drüben und machen Armdrücken. Wer verliert, gibt einen aus !« Er hat verloren, musste einen ausgeben. Seine Kumpels fanden es klasse. Danach war ich dort immer sehr gern gesehen.

 

Man sieht dich auch gern an Weihnachten. Wie verbringst du das Fest der Liebe ? Eher spartanisch oder doch pompös ?

 

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mit dieser christlichen Tradition gar nicht so viel anfangen, wobei ich Weihnachtssongs zum Beispiel sehr gern mag. Für mich bedeutet Weihnachten in erster Linie »Konsum«, was mir im Grunde genommen natürlich recht ist, denn der Monat Dezember ist für mich ganz klar mein umsatzstärkster Monat. Und trotzdem wird es in diesem Jahr, wie auch in all den anderen, bei einem jedes Mal wundervollen Auswärtsessen mit meinen FreundInnen bleiben, an welchem wir anschließend mit einem Sekt auf uns anstoßen werden.

 

Gibt es denn noch Veranstaltungen, auf die wir schon jetzt anstoßen könnten ?

 

Ganz besonders freue ich mich jetzt schon auf den 27. November im »Schnürschuh Theater Bremen«. An diesem Tag haben wir unsere letzte Veranstaltung mit einem bunten Programm, welches zum Teil auch schon die Vorweihnachtszeit einläuten wird. Das wird klasse ! Karten sollte man sich frühzeitig sichern. Die gibt es über die Website www.schnuerschuh-theater.de

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Kerstin RolfesInterview erschienen in Ausgabe Nr. 20, 2021

 

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Foto © Kerstin Rolfes, www.kerstinrolfes.de