VERKEHRSEXPERTE Thomas Adrian und STADTPLANERIN Celia Hepp IM GESPRÄCH


Nichts zu unternehmen, ist keine Option.

Der Beirat Findorff hat einstimmig beschlossen, dass das Amt für Straßen und Verkehr als zuständige Behörde einen Betriebsplan für die Einführung von Bewohnerparken im Quartier Bürgerweide erstellen soll. Angesichts der kontroversen Debatte über das Für und Wider des Bewohnerparkens im Stadtteil lohnt sich der Blick über den dörfflichen Tellerrand auf Hamburg, wo seit einigen Jahren Bewohnerparkzonen bestehen. Im Interview sprechen Thomas Adrian, Fachbereichsleiter im Verkehrsmanagement im Hamburger Landesbetrieb Verkehr, und die Stadtplanerin Celia Hepp über ihre gemachten Erfahrungen – praxisnahes Know-how, dass auch für Findorff für den anstehenden Prozess wegweisend sein kann. 

 

Thomas Adrian ist Fachbereichsleiter des Verkehrsmanagements im Hamburger Landesbetrieb Verkehr. Adrian verfügt über langjährige Erfahrungen zum Thema »Bewohnerparken« und seiner Planung und praktischen Umsetzung. Celia Hepp ist Stadtplanerin und Verkehrsexpertin in Hamburg. Sie ist in freier Mitarbeit ebenfalls beteiligt an den Kommunikationsprozessen zur Einführung des Bewohnerparkens in verschiedenen Hamburger Quartieren. Beatrix Eißen und Kevin Helms waren als zwei VertreterInnen der GRÜNEN Fraktion im Beirat Findorff in Hamburg im Landesbetrieb Verkehr zu Gast, um von den GesprächspartnerInnen mehr für den anstehenden Prozess in Findorff  zu erfahren. Die Fragen stellte Kevin Helms. Den kompletten Wortlaut des Antrags des Findorffer Beirats und informative Links zu Bewohnerparken in Bremen gibt es in der Rubrik »Vor Ort« auf www.findorff-gleich-nebenan.de

 


Herr Adrian, um den Belastungen und dem hohen Parkdruck zu begegnen, setzt man in Hamburg verstärkt auf Bewohnerparkzonen. Bitte erläutern Sie uns, was man sich unter Bewohnerparken vorstellen muss und wie diese Form der Parkraumbewirtschaftung in Hamburg organisiert ist.

 

Adrian: Zu Beginn möchte ich auf die strukturelle Besonderheit von Hamburg hinweisen. In Hinblick auf das Thema Parkraumbewirtschaftung besteht unsere Besonderheit darin, dass die Planung und Kontrolle der Bewohnerparkgebiete in einem Haus konkret in der Abteilung »Parkraummanagement« gebündelt ist. Mit der Überwachung und Bewirtschaftung des Parkraums sind bei uns im Landesbetrieb Verkehr dafür momentan 110 MitarbeiterInnen befasst. Konfrontiert mit der Frage, wie wir die Verkehrsbelastungen und den Parkdruck zu Gunsten der AnwohnerInnen verbessern können, haben wir als ersten Schritt untersucht, wie andere Städte in Deutschland die Parkraumbewirtschaftung organisieren. Nachdem wir uns einen Überblick verschafft hatten, haben wir damit begonnen die in Hamburg bereits etablierten Bewohnerparkgebiete in der Innenstadt und am Flughafen zu vereinheitlichen. Seitdem werden unsere Bewohnerparkzonen nach dem sogenannten »Mischprinzip« bewirtschaftet. Darunter ist zu verstehen, dass die verfügbaren Parkflächen allen zur Verfügung stehen. Jedoch sind die AnwohnerInnen von der Entrichtung der Parkgebühr ausgenommen, wenn Sie über einen Bewohnerparkausweis verfügen. Dieser Parkausweis ist online für einen sehr überschaubaren Preis von 25,00 Euro im Jahr zu erwerben.

 

In den letzten Jahren hat Hamburg das Bewohnerparken stetig ausgeweitet. Neben der Innenstadt gibt es Bewohnerparken mittlerweile in weiten Teilen von St. Pauli, Altona-Altstadt, Fühlsbüttel und Billstedt. Aktuell wird Bewohnerparken im Quartier Rotherbaum geplant. Warum favorisiert Hamburg diese Form der Parkraumbewirtschaftung ?

 

Adrian: Das erklärte Ziel besteht darin, die AnwohnerInnen zu bevorrechtigen und das Falschparken ebenso wie das Langzeitparken von PendlerInnen zu unterbinden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sehe ich ehrlich gesagt keine Alternativen zum Bewohnerparken. Die reine Bewirtschaftung mit Parkscheinautomaten kann nicht funktionieren, da ansonsten keine Parkmöglichkeiten für die AnwohnerInnen gegeben sind. Auch die Nullvariante, sprich nichts zu unternehmen, ist angesichts der hohen Verkehrsbelastungen und der damit einhergehenden Einschränkung der Verkehrssicherheit keine Option. Unter Berücksichtigung dieser Ausgangslage sehe ich das Bewohnerparken als eine gute Lösung an. Es setzt das Autofahren in ein gesundes Verhältnis zu den Folgen, die diese Form der Mobilität mit sich bringt. Das gilt sowohl in Hinblick auf die Sicherheit, das Klima, den Lärm und auch hinsichtlich der Kosten im ÖPNV. 

 

Frau Hepp, Sie sind Stadtplanerin und beteiligt an der Einführung des Bewohnerparkens in Hamburg. In Findorff sind die Positionen der AnwohnerInnen zum Bewohnerparken recht verschieden. Können Sie uns erläutern, wie die HamburgerInnen die Parkraumbewirtschaftung bewerten und inwiefern die AnwohnerInnen bei den Planungen beteiligt werden ?

 

Hepp: Die Bürgerbeteiligung ist bei der Einführung des Bewohnerparkens fest etabliert. Wenn wir ein Quartier untersuchen, werden am Anfang die jeweiligen Strukturdaten des Quartiers erhoben. Das bedeutet, es wird die individuelle Situation des Quartiers untersucht und im Einzelnen geschaut, wer dort lebt und wie die Mobilität funktioniert. Im zweiten Schritt erfolgt die sogenannte Kennzeichenerhebung. Durch die Begehung der entsprechenden Straßen wird das Parkverhalten und die spezifische Auslastung der Parkflächen genau analysiert. Wenn sich anhand dieser Daten feststellen lässt, dass das Bewohnerparken eine geeignete Maßnahme darstellt, werden die AnwohnerInnen befragt. Die online-gestützte Umfrage umfasst vielfältige Fragen zur aktuellen Parksituation und entsprechenden Lösungsansätzen. Das Ergebnis der Befragung dient uns anschließend als Meinungsbild, welches bei der weiteren Planung berücksichtigt wird. Wir haben uns für diese Form der Umfrage entschieden, da wir auf diesem Weg mehr Menschen erreichen als dies bei einer Versammlung möglich wäre. 

 

Angenommen das Ergebnis der Umfrage wäre, dass die AnwohnerInnen das Bewohnerparken ablehnen. Wie würden Sie mit einem derartigen Ergebnis umgehen ?

 

Hepp: Für uns ist es wichtig, dass den AnwohnerInnen kein Konzept übergestülpt wird. In der Konsequenz würden wir entweder die Gebietsgrenzen anpassen oder von der Einführung des Bewohnerparkens absehen.

 

Adrian: In der Tat bleibt es dann allerdings eine offene Frage, wie die vorhandenen Probleme gelöst werden könnten. 

 

Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass in den Gebieten in denen Bewohnerparkzonen etabliert wurden, ein entsprechend hoher Zustimmungswert vorlag ?

 

Hepp: Genau. Bisher haben wir eigentlich immer eine positive Resonanz erhalten. Trotz der grundsätzlichen Zustimmung gibt es jedoch auch jedes Mal Beschwerden und Proteste. Für uns gilt es dann zu untersuchen, inwiefern wir die Kritik aufgreifen und in unseren Planungen berücksichtigen können. 

 

Adrian: Wenn ich hier ergänzen dürfte: Die Zustimmung ist nicht verwunderlich, da das Meinungsbild von den AnwohnerInnen erhoben wird und es diese Gruppe von Personen ist,

die von der Einführung am stärksten profitiert. 

 


Es müssen die entsprechenden Daten erhoben werden.

 

Die letzten Erweiterungen wie beispielsweise in dem Stadtteil St. Pauli liegen ca. ein Jahr zurück. Zeit genug um ein erstes Fazit zu ziehen. Glauben Sie, dass sich die Lebensumstände der AnwohnerInnen nach der Einführung verbessert haben ? 

 

Hepp: Ein Jahr nach der Einführung werden die Auswirkungen und die neue Parksituation systematisch untersucht. Für St. Pauli liegen die konkreten Zahlen zwar noch nicht vor, jedoch lässt sich bereits erkennen, dass sich der Parkdruck und der Suchverkehr reduziert haben. Ich würde also von einer Verbesserung der Lebensumstände ausgehen. Vor allem wenn auch die damit verbundenen positiven Effekte berücksichtigt werden, wie unter anderem die Reduzierung von Lärm, die Steigerung der Sicherheit und die neuen Spielräume für die Stadtentwicklung.

 

Ein besonderer Fokus ist auch auf die Situation der Gewerbetreibenden gerichtet. Wie sehen Ihre Erfahrungswerte aus ? 

 

Adrian: Wird das Bewohnerparken neu eingeführt, gibt es beim Einzelhandel durchaus Bedenken. Zuletzt hatten wir diese Diskussion in Blankenese, wo zwar kein Bewohnerparken, aber eine Parkraumbewirtschaftung eingeführt wurde. Die Sorge, dass KundInnen dem Einzelhandel aufgrund der Parkkosten fernbleiben, hat sich jedoch nicht bestätigt. Im Gegenteil haben die KundInnen jetzt bessere Aussichten schnell und zuverlässig einen Parkplatz zu finden. 

 

Hepp: Um der gewerblichen Situation in einigen Quartieren gerecht zu werden, haben wir mittlerweile auch einige Ausnahmeregelungen. In diesen Fällen wird die Frist des Kurzzeitparkens, die normalerweise ein Zeitfenster von drei Stunden nicht übersteigen darf, verlängert. 

 

Sowohl derartige Ausnahmen als auch das grundlegende Konzept des Bewohnerparkens können nur dann gelingen, wenn die Durchführung entsprechend kontrolliert wird. Herr Adrian, wie ist die Form der Kontrolle organisiert ?

 

Adrian: Unserer Erfahrung nach stellt sich der benötigte Überwachungsdruck nur dann ein, wenn mindestens drei Mal in der Woche kontrolliert wird. Selbstverständlich sollten die Tage und Uhrzeiten der Kontrollen variieren. Ferner sollte es eine Zweifach-Kontrolle geben, damit auch protokolliert wird, wie lange das Falschparken andauert.  

 

Angesichts der aufwendigen Kontrollen stellt sich die Frage, ob die Kommunen durch die Einführung des Bewohnerparkens mit Mehrausgaben zu rechnen haben ? 

 

Adrian: Nein im Gegenteil, die Parkraumbewirtschaftung in Form des Bewohnerparkens finanziert sich selbst. Um dies einmal an Zahlen zu verdeutlichen: Wir haben im Jahr 2014 ungefähr sechs Millionen Euro aus der Parkraumbewirtschaftung eingenommen. Obwohl die Gewinnmaximierung kein Ziel der Behörde ist, betragen die Einnahmen im Jahr 2019 ungefähr 22 Millionen Euro. 

 

Was würden Sie als VerkehrsexpertInnen mit langjähriger Erfahrung in der Planung und Durchführung von Bewohnerparkkonzepten einem Stadtteil wie Findorff raten ? 

 

Adrian: Ich bin immer sehr vorsichtig damit, anderen einen Ratschlag zu erteilen. Dies gilt insbesondere, wenn es meine KollegInnen in Bremen betrifft (lacht). Meiner Meinung nach ist es entscheidend, die individuelle Situation in jedem einzelnen Quartier zu berücksichtigen. Das heißt, es müssen zunächst die entsprechenden Daten erhoben werden, um festzustellen, ob ein Konzept des Bewohnerparkens die spezifische Situation in dem Quartier verbessern kann. Außerdem können derartige Projekte nicht gegen den Willen der AnwohnerInnen durchgesetzt werden. Abschließend gilt es die Folgewirkungen im Auge zu behalten. Die Einführung von Bewohnerparken löst immer Dominoeffekte aus. Damit meine ich, dass sobald in einem Quartier das Bewohnerparken eingeführt wurde, sich der Parkdruck in den anliegenden Quartieren erhöhen wird. In der Konsequenz gilt es dann die Bewohnerparkgebiete systematisch zu erweitern.

 

Hepp: Meiner Erfahrung nach bestehen die relevanten Erfolgsfaktoren in der offenen Kommunikation und Information. Nur wenn von Anfang an und auch während der laufenden Planung immer wieder der Dialog mit den AnwohnerInnen gesucht wird, können derartige Vorhaben erfolgreich verlaufen.

 

Frau Hepp und Herr Adrian, danke für das Gespräch.

 

Interview: Kevin Helms, Fotos: »Hand mit Miniaturspielzeugauto« © fotogenicstudio, www.shutterstock.com, Portraits © Thomas Adrian, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 13, 2020

 

Foto © fotogenicstudio, www.shutterstock.com
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