Yosra Al said BIETET Syrische SpezialitäteN AUF DEM FINDORFFMARKT AN.


Mein Imbisswagen kam an meinem Geburtstag an.

Falafel Queen Yosra Al Said Findorff Findorffer Geschäftsleute Magazin Stadtteil Bremen Einzelhandel Gastro Restaurants essen gehen

Yosra Al Said wurde 1973 in Syrien geboren – ein Land, das seit einem Militärputsch 1963 die nationalistische »Arabisch-Sozialistische Baath-Partei« regiert. Nach dem Tod von Präsident Hafiz al-Assad im Jahr 2000 regiert sein Sohn Baschar al-Assad. Ein friedlicher Protest gegen das Regime al-Assads im Zuge des »Arabischen Frühlings« in 2011 war Auslöser für einen Bürgerkrieg, der bis heute andauert. Yosras Vater diente als General unter Hafiz al-Assad. Da er aus der Pension zurück in den Militärdienst gerufen worden wäre, ist er mit Yosras ältester Tochter nach Schweden geflüchtet. Dort leben mittlerweile auch ihre Mutter und Geschwister. Yosra galt als Gegnerin von al-Assad, weil sie sich um verwaiste Kinder gekümmert hat. Mehr unter »Falafel Queen Bremen« auf »facebook«. Der Feinkostladen startet nun doch etwas später vorr. im April 2021 in der Hemmstraße 271. 

 


Yosra Al Said, Sie haben sich selbstständig gemacht. Man findet Sie als »Falafel Queen« dreimal die Woche auf dem Findorffmarkt. Wie sind Sie auf den Namen gekommen ?

 

Ein Freund hat den Namen ausgesucht. Er sagte, dass dieser Name der Richtige sei, da meine Falafel so köstlich seien, dass sie selbst der Queen schmecken würden. 

 

Seit wann gibt es Ihr Angebot ?

 

Seit zwei Jahren und drei Monaten bin ich auf dem Findorffmarkt. Es gibt einen zweiten Wagen auf dem Domshof – und ich biete einen Partyservice an. 

 

Worin besteht Ihr Angebot ?

 

Ich biete Speisen aus der arabischen Küche an. Es gibt Suppe, Vorspeisen und Hauptgerichte wie Hühnchen in unterschiedlichen Variationen. Ich habe frisch gemachte Falafel Rollo, gefüllte Paprika, Mandireis und Röllchen mit Spinat. Viele der Gerichte sind vegan, wie der Falafel Rollo, Mandireis und verschiedene Vorspeisen. Ab März werde ich mit einem Geschäftspartner einen Laden in Findorff in der Hemmstraße eröffnen, in dem wir Feinkost aus der syrischen Küche anbieten.

 

Welche Unterstützung haben Sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit in Bremen erfahren ?

 

Ein Professor von der Hochschule Bremen kam mit seiner Frau in die Flüchtlingsunterkunft, in der ich mit meinen Kindern untergebracht war. Er suchte nach einer syrischen Familie, die er unterstützen könnte. Da ich die einzige syrische Frau in der Unterkunft war, die Englisch sprach, übersetzte ich die Gespräche zwischen ihm und den Flüchtlingsfamilien. So lernten wir uns kennen. Dann fragte er mich, ob er mich und meine Kinder unterstützen könne. Mittlerweile sind wir sehr eng befreundet. 

 

Wie kam es zu der Idee, sich selbstständig zu machen ?

 

In Damaskus, wo ich herkomme, habe ich Englisch studiert. In Bremen bräuchte ich sechs Jahre, um das Studium zu beenden – von den Deutschkursen über das Studium bis zur endgültigen Lehrerlaubnis. So lange wollte ich nicht warten. Irgendwann kam mir die Idee, einen Imbisswagen zu eröffnen. Mein erster eigener Imbisswagen kam in Bremen an meinem Geburtstag an.

 

Wer arbeitet mit im Team der »Falafel Queen« ?

 

Ich habe eine fest angestellte Mitarbeiterin. 

 

Was haben Sie vorher gemacht ?

 

Nachdem ich 2015 in Bremen angekommen bin, habe ich zunächst mit meinen Kindern in der Flüchtlingsunterkunft gelebt. Nur wer eine Wohnung hat, darf auch Sprachkurse besuchen. Nachdem wir eine Wohnung gefunden hatten, habe ich einen Deutschkurs sowie den Test »Leben in Deutschland« erfolgreich abgeschlossen. Während ich den nächsten Kurs gemacht habe, absolvierte ich nebenbei zwei Monate ein Praktikum inklusive Kochkurs und später ein Praktikum auf dem Findorffmarkt. Dort habe ich viel gelernt über die Arbeit auf dem Markt mit allem, was dazugehört. Ich bin die erste syrische Frau auf dem Findorffmarkt, die einen Imbissstand aufgemacht hat !

Sie haben in Syrien als Sozialarbeiterin in einem Kinderheim mit verwaisten Kindern und Jugendlichen gearbeitet, bis zu 600 im Jahr 2014. Ein Jahr später sind Sie dafür als Unterstützerin der Widerständler inhaftiert worden. Sie wurden verhaftet, haben im Gefängnis schlimme Dinge erlebt, konnten mit Ihren eigenen Kindern fliehen und sind am Ende in Bremen gelandet. Woher nehmen Sie Ihre Kraft ?

Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, mich für die verwaisten Straßenkinder in meinem Stadtviertel Barzeh einzusetzen. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich mich verlobt. Ich war zu der Zeit im zweiten Jahr meines Englischstudiums. Im dritten Studienjahr habe ich geheiratet und weiterstudiert. Dann bekam ich vier Töchter und einen Sohn innerhalb von sechs Jahren. In Syrien sagt man: »Bring die Kinder mit wenig Abstand auf die Welt, damit sie zusammen groß werden können.« Mit dem Studium habe ich aufgehört. Irgendwann wollte ich aber wieder etwas tun, und sei es ehrenamtlich. Ich habe 2006 in einem Waisenheim gearbeitet, wo »meine« 25 Kinder Essen, Kleidung und Geld bekamen. Das Heim wurde von reichen Leuten finanziell unterstützt, so dass wir unser Angebot nach und nach ausweiten konnten. 2011 waren 200 Kinder da. Ich unterrichtete sie in Englisch und kochte mit ihnen. Als im selben Jahr der Krieg ausbrach, wuchs die Anzahl der Waisenkinder auf bis zu 600 im Jahr 2014. Ihre Eltern waren getötet oder vom al-Assad-Regime inhaftiert worden. Im Jahr 2014 kam ich für 68 Tage ins Gefängnis, weil ich mich um die Kinder gekümmert hatte, deren Eltern gegen al-Assad waren. Ich sagte ihnen, dass ich keine Gegnerin von al-Assad sei, sondern mich um die verwaisten Kinder kümmern wollte. Sie schlugen und folterten mich. Niemand wollte verstehen, dass sie ihren Krieg führen, doch den Kindern eine Chance geben sollten ! Die Kinder, deren Väter beim Militär dienen und pro al-Assad sind, erhalten jede Unterstützung bis zum Studienplatz. Doch Kinder sind Kinder. Wir sollten keine Unterschiede machen und allen Bildung und Schutz zukommen lassen. 

 


Meine Falafel sind frisch und selbstgemacht.

Wie hat Ihre Flucht aus Syrien ausgesehen ? 

 

Nach meiner Inhaftierung musste ich das Land verlassen. Mein Mann, der sich nicht vorstellen konnte, im Ausland zu leben, brachte mich und meine Kinder bis zur Grenze des Libanon und unterschrieb, damit wir das Land verlassen konnten. Von Beirut aus flogen wir in die Türkei, wo wir zunächst sieben Monate blieben. Dann fuhren wir mit dem Boot nach Griechenland und reisten mit dem Bus, zu Fuß und zuletzt mit der Bahn einen Monat lang weiter bis nach Bremen.

 

Ich finde es immer wieder erstaunlich, in welcher kurzen Zeit viele der geflüchteten oder eingewanderten Menschen Deutsch lernen. Seit wann lernen oder sprechen Sie Deutsch ? 

 

Vor fünf Jahren bin ich mit meinen Kindern in Deutschland angekommen. Meine Tochter hat binnen zwei Monaten ihre Prüfung des Sprachniveaus B1 erfolgreich abgelegt. Ich habe die Sprache nicht so schnell wie meine Tochter gelernt. Ich lerne immer noch dazu.

 

Wie leben Sie in Bremen ?

 

Ich wohne in Findorff mit dreien meiner fünf Kinder. Mein Sohn und eine Tochter gehen zur Schule. Eine Tochter arbeitet im Martinshof. Zwei Töchter studieren außerhalb Bremens. 

 

Wie schaffen Sie es, als alleinerziehende Mutter Ihre Selbstständigkeit und das Familienleben parallel zu managen ?

 

Alle Kinder sind tagsüber außer Haus, während ich auf dem Findorffmarkt bin. So bekommen wir es gut hin. Die ersten drei Monate, in denen ich noch kein Auto hatte, haben mir meine Kinder sehr geholfen, die Lebensmittel nach Marktschluss nach Hause zu tragen. Auch samstags helfen sie oft noch gerne mit. 

 

Was für Unterschiede zwischen den BewohnerInnen von Damaskus und Bremen sind Ihnen besonders aufgefallen ?

 

Vieles ist anders. Zum Frühstück isst man bei uns zum Beispiel Falafel oder Fatteh. Das ist Hummus mit Brot, Joghurtsoße, Tahin und etwas Fleisch. Das Frühstück ist also kräftig – für einen guten Start in den Tag. In Bremen gefällt mir das Verkehrsnetz sehr gut, wie die Straßenbahn. Auch werden Termine eingehalten. Das ist in Syrien nicht unbedingt so. Wenn man einen Termin in der Behörde hat, braucht man sich für den Rest des Tages nichts mehr vornehmen, weil nie klar ist, wie lange es dauern wird oder auch, wann man an die Reihe kommt. Außerdem kann es vorkommen, dass dir die Papiere vor deinen Augen zerrissen werden, wenn ein einziges Papier fehlt. In Barzeh hat meine Nachbarin gekocht und auf die Kinder aufgepasst, wenn ich krank war. Das ist hier anders. Ich bin gut vernetzt und habe gute FreundInnen, aber der Zusammenhalt der Menschen in Damaskus ist noch viel größer. Alle Familienmitglieder wohnen  normalerweise im gleichen Stadtteil. Alle helfen sich gegenseitig. In Syrien habe ich die Männer so wahrgenommen, dass sie niemals fragten, wie es mir geht oder was ich möchte. Sie drehen sich sehr um sich selbst. In Deutschland erlebe ich, dass ein Mann seine Frau durchaus in allen Angelegenheiten befragt und die Beziehungen gleichberechtigt sind.  

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft ?  

 

Ich wünsche mir, dass meine beiden Kinder, die noch zur Schule gehen, studieren können. Meine Tochter möchte Design oder Architektur studieren. Sie kann sehr gut malen ! Mein Sohn möchte vielleicht Ingenieur werden. Meine zweite Tochter, die im Martinshof arbeitet, spart auf eine Wohnung. Zudem wäre es schön, wenn »Falafel Queen« in Findorff noch bekannter werden würde. Es kommen immer wieder Leute, die staunen, dass es mich schon seit über zwei Jahren auf dem Findorffmarkt gibt. Am Tag der Eröffnung habe ich nur zehn Rollos verkauft. Letzten Samstag waren es 70. Meine Falafel sind frisch und selbstgemacht. Ich verwende immer frisches Öl. Und wer sie probiert, kommt wieder. Ich wünsche mir für den neuen Feinkostladen in der Hemmstraße, dass er gut anlaufen wird – und es bald wieder möglich sein wird, Sitzplätze anbieten zu können. Langfristig würde ich gerne einen Saal haben, in dem ich für Hochzeiten, Verlobungen oder Geburtstage die Feiern ausrichte. Ich würde den Raum selbst designen und für das Essen sorgen, so dass die GastgeberInnen sich um nichts kümmern bräuchten.  

 

Interview: Nicole Henze, Foto: www.bildplantage13.deInterview erschienen in Ausgabe Nr. 17, 2021

 

Falafel Queen Yosra Al Said Findorff Findorffer Geschäftsleute Magazin Stadtteil Bremen Einzelhandel Gastro Restaurants essen gehen
© Martin Bockhacker, www.bildplantage13.de