DIE FINDORFFERIN LEITET DIE europäische Kampagne zum Schutz des Wassers


Die Weser ist ihrer ›ökologischen Seele‹ beraubt.

Beatrice Claus ist Diplom-Biologin und Referentin für Gewässerschutz und Flusspolitik beim WWF Deutschland mit Sitz in Hamburg. Dort leitet sie aktuell die europäische Kampagne zum Schutz des Wassers. Beatrice Claus ist Findorfferin und kandidierte für die kommende Bürgerschaftswahl für DIE GRÜNEN für einen Sitz in der Bremischen Bürgerschaft.

 


Frau Claus, in welchem Zustand sind die Flüsse und Bäche in Bremen ?

 

Bremer Gewässer sind in einem schlechten Zustand. Sie sind stark vom Menschen verbaut worden. Es gibt nur noch wenig natürliche Flusslebensräume. Die Belastung durch Nährstoffe ist sehr hoch und die Auswirkungen der Weservertiefung sind groß. Damit verstößt Bremen aktuell auch gegen die europaweite Wasserschutzgesetzgebung, die in der EU-Wasserrahmen-

richtlinie festgelegt ist.

 

Wo liegen die Hauptprobleme für die Gewässer in Bremen ?

 

In Bremen sind Bebauungen, Vertiefungen, Nährstoffeinträge und der starke Tidenhub die wichtigsten Ursachen für die schlechte Gewässerqualität. Weser, Lesum, Wümme und Ochtum leiden besonders aufgrund der Weservertiefungen unter massiven Problemen: Die Vertiefungen der letzten Jahrzehnte haben den Tidenhub von rund 20 cm auf heute 4,20 Meter anschwellen lassen. Die bremischen Weserufer sind fast komplett in Steine gepackt. Die Weser ist damit ihrer ›ökologischen Seele‹ beraubt. Aktuell führt der große Tidenhub zum Beispiel auch an Bremens schönstem Fluss, der Wümme, zu Uferabbrüchen und Verschlickungen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde »Durchlässigkeit« der Flüsse für Fische. Besonders die Passage am Hemelinger Weserwehr überleben viele Fische nicht.

 

In den letzten Jahren haben sich die Kläranlagen verbessert, das Abwasser wird aufwändig gereinigt. Warum ist der Zustand der Gewässer trotzdem problematisch ?

 

Das liegt an der Gewässerstruktur. Unsere Gewässer sind zu stark ausgebaut – das heißt, es gibt wenig natürliche Lebensräume. Das sieht man daran, dass es weniger Tiere gibt, als es von Natur aus der Fall wäre. Andere Kriterien sind die Nährstoff- und Schadstoffbelastung, die man auch nicht sieht. Trotzdem ist die Belastung durch Stickstoff in den Gewässern insbesondere durch Einträge aus der Landwirtschaft viel zu hoch.

 

Warum ist ein guter Zustand unserer Gewässer so wichtig ?

 

Zum einen ist es so, dass Gewässer Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen sind und dass stark verbaute Gewässer eben sehr viel weniger Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten. Wenn wir die Artenvielfalt in Deutschland erhalten wollen, müssen wir die Gewässer renaturieren und in einen guten Zustand bringen. Aber auch für die Menschen sind gesunde Gewässer wichtig, unter anderem für die Erholung. Ich selber paddle gern. Eine naturnahe Landschaft wirkt sich auf den Menschen einfach entspannend und positiv aus. Letztendlich ist es auch so, dass gesunde Gewässer leichter mit den Folgen des Klimawandels klarkommen werden als schon stark geschädigte Gewässer. Und wie bereits dargestellt, spielt es auch für die Trinkwasserqualität eine Rolle, in welchem Zustand unsere Gewässer sind.

 

Wie hat das Einfluss auf die Trinkwasserqualität hier in Bremen ? Können wir unser Wasser noch bedenkenlos trinken ?

 

Ja, das können Sie. Es wird aufbereitet und die Wasserversorger sagen, die können alles aus dem Wasser herausfiltern. Allerdings wird so das Wasser immer teurer werden, weil die Aufbereitung immer aufwändiger wird, je mehr Schadstoffe aus dem Grund- und damit Trinkwasser herausgeholt werden müssen.

 


Man sollte sich gegenseitig helfen.

 

Wie steht Bremen bei der Trinkwasserqualität da ?

 

Im europäischen Vergleich stehen Deutschland und Bremen gut da. Wir können bei uns Wasser aus dem Wasserhahn trinken. In vielen Ländern ist das nicht mehr möglich: Dort kauft man sich das Trinkwasser nur noch im Supermarkt. Wir sollten alles tun, damit wir weiterhin Wasser aus dem Wasserhahn haben.

 

Was muss passieren, damit sich der Zustand der Gewässer verbessert ? Wo sehen Sie die Hauptansatzpunkte ?

 

Vor allem müssen wir auf weitere Vertiefungen und den Ausbau der Weser verzichten. Und wir brauchen eine Agrarwende, das heißt eine Landwirtschaft, in der das Verhältnis von Fläche zu Tieren stimmt, sodass keine Nährstoffüberschüsse in die Gewässer eingetragen werden. Auch ist der Maisanbau ein Problem, da gerade aus Maisanbaugebieten zu viel Nährstoffe in die Gewässer eingetragen werden. Wir brauchen auch eine Änderung des »Erneuerbare-Energien-Gesetzes«. Die Wasserkraftnutzung, die eigentlich für unsere Energieversorgung keine Bedeutung hat, schädigt die Gewässer enorm, weil sie Wanderhindernisse für Fische darstellt. Und wir müssen viele Renaturierungsmaßnahmen durchführen.

 

Wie können wir als Einzelpersonen die Gewässer schützen ?

 

Wir können beim Einkauf darauf achten, Lebensmittel aus biologisch-ökologischer Landwirtschaft zu kaufen, weil hier das Verhältnis von Tieren zu Fläche kontrolliert wird, es nur reduzierte Einträge von Nährstoffen in die Gewässer geben darf und keine Pestizide benutzt werden. Zudem können wir Wasser aus dem Wasserhahn aufbereiten und Plastikflaschen vermeiden. Man sollte auf Kosmetika mit Mikroplastik oder Schwermetallen wie Aluminium verzichten. Wenn es irgendwie geht, sollten HausbesitzerInnen Flächen im Garten entsiegeln und nicht versiegeln. Wer Vorreiter im Gewässerschutz sein will, kann sich eine Brauchwasseranlage einbauen lassen, um für Toilette und Wäsche Brauchwasser statt Trinkwasser zu verwenden.

 

Interview: Nils Malte Kiele, Foto: Kerstin Rolfes

 

© Kerstin Rolfes
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