MATHIAS RÄTSCH ÜBER EIN Wiederkehrendes THEMA IN DER LOKALPOLITIK


(K)ein Logo für Findorff ?

»Braucht Findorff ein eigenes Logo?« Diese Frage ist seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit ein beliebter Tagesordnungspunkt für den Beirat Findorff – zuletzt gestellt im Fachausschuss »Wirtschaft, Kultur, Inneres und Sport« Ende 2020. Die bisherigen Diskussionen über ein Stadtteillogo sind vergleichbar mit Fachsimpeleien von Fans über Werder Bremen: Alle können irgendwie mitreden, aber kaum jemand hat tatsächlich fundierte fachliche Kompetenzen. »Fachsimpelei« trifft es daher gut: Die dient als lockeres informelles Gespräch nicht der Lösung einer bestimmten Aufgabe in einem Lern- oder Arbeitsprozess, sondern hat oft eine andere Funktion. Aber auch lokalpolitische Profilierungsversuche über ein »weiches« Thema sind keineswegs verboten. Zielgerichtet eine Lösung zu entwickeln sieht anders aus. 

 


Ein Logo zu entwickeln ist schwierig, zumal wenn der Stadtteil keine klare Definition hat.

Der Höhepunkt der Logo-Diskussionen war damals im Mai 2015 erreicht. Am runden Tisch »Wirtschaftszentrum Findorff – Leben und Einkaufen« wurden mehrere Logos präsentiert. Wilde Diskussionen entbrannten. Eine Entscheidung gab es nicht. Gudrun Goldmann, Chefredakteurin des »Zett Magazins«, Bremens Zeitschrift für Stadtkultur, brachte den von der Lokalpolitik gut gemeinten Prozess damals in einem weitsichtigen Kommentar online in einem Gästebuch gut auf den Punkt: »Ein Logo zu entwickeln ist schwierig, zumal wenn der Stadtteil keine klare Definition hat... man kann ein gutes Logo nur entwickeln, wenn man weiß, was es ausdrücken soll. Zurück auf Los und gemeinsam darüber nachdenken, was Findorff ausmacht, was soll ein Logo aussagen über den Ort, an dem wir leben.« Diese Vorgehensweise, zu der es nicht kam, ist auch heute richtig: Ohne Zielsetzungen kein Konzept; ohne Konzept keine Positionierung; ohne Positionierung keine Bewertungskriterien; ohne Bewertungskriterien keine Grundlage für Entscheidungen über einen Logoentwurf. 

Für alle Gestaltungsprofis selbstverständlich im Designprozess: Am Anfang steht die Erarbeitung einer Konzeption. Was man auch wissen sollte: Professionelle Designleistungen kosten gutes Geld. Sollte es gelingen, für den Stadtteil einen entsprechenden Etat zu generieren, ist im Gegensatz zu den damals von LokalpolitikerInnen und Geschäftsleuten besetzten Arbeitsgruppen bei einem erneuten Versuch, ein wegweisendes Stadtteilmarketing zu entwickeln, eine systematische Vorgehensweise gefordert. Es sind zunächst folgende Fragen zu klären:

  • Warum und wofür braucht Findorff Stadtteilmarketing  – und damit verbunden: ein eigenes Logo ?
  • Welche Zielsetzungen hat das Stadtteilmarketing ?
  • Wie ist Findorff als Stadtteil zu positionieren ?
  • Welche kommunikativen Maßnahmen folgen daraus ?
  • Welcher Etat ist für nachhaltige Lösungen notwendig ?

Wenn es nach der Erarbeitung der Konzeption soweit ist, ein Logo entwickeln zu lassen, sollten als Kriterien für die Bewertung gelten: Ziel im Gestaltungsprozess ist nicht vorrangig die Darstellung der Dinge, wie sie sind, sondern die Darstellung einer idealtypischen Realität. Ein Logo ist daher kein von der Identität und Positionierung des Absenders los--gelöstes Dekorelement, kein Abbild einer »Laune«, die man ständig wechselt, kein Ersatz für ein einheitlich gestaltetes Corporate Design und erst recht keine Antwort auf persönliche »Geschmacksfragen«. Ein Logo hat eine klare Funktion: Es soll subjektive Wahrheiten visuell »objektivieren« und die Vision der Identität des Absenders repräsentieren und individuell codieren.

 


Wenn sich die FindorfferInnen mit »ihrem« Logo identifizieren sollen, sind sie »mitzunehmen«.

 

Ebenfalls unverzichtbar: Die Entwürfe und Kriterien sind vor einer Entscheidung öffentlich zu kommunizieren. Warum? Entwickelt wird in diesem Fall kein Logo für ein Unternehmen, dessen Erarbeitung eine unternehmensinterne Aufgabe wäre. Wenn sich die FindorfferInnen mit

»ihrem« Logo identifizieren sollen, sind sie »mitzunehmen« – auch um durch Transparenz Akzeptanz zu schaffen. 

 

Was aber ist, wenn es nicht gelingen sollte, ein überzeugendes Konzept für ein professionelles Stadtteilmarketing und Logo in Findorff zu realisieren? Dann bleibt das Ergebnis aller Bemühungen die derzeitige Ist-Situation – und der Stadtteil wird weiterhin inhaltlich und visuell durch die vielen, unterschiedlichen Aktivitäten, Initiativen und Vereine mit vielen, individuellen Logos repräsentiert: Die Einheit liegt dann, wie bisher auch, in der bunten Vielfalt Findorffs – und ein eigenes »Logo für Findorff« bleibt »nice to have«, ist für einen auch ohne Logo äußerst lebendigen Stadtteil aber auch nicht zwingend erforderlich – zumal ein professionell realisiertes Stadtteilmagazin wie FINDORFF GLEICH NEBENAN bereits jetzt sehr viel für die Identifikation der LeserInnen mit dem eigenen Stadtteil leistet.  

 

Mathias Rätsch ist Diplom-Designer, PR- und Werbetexter, Kommunikationswirt und Herausgeber von FINDORFF GLEICH NEBENAN, das einzige Stadtteilmagazin für Findorff aus Findorff. Mit »Rätsch Communications« entwickelt er für AuftraggeberInnen aus verschiedenen Branchen intelligente Lösungen für die Unternehmenskommunikation. www.raetsch.de

 


 

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