»DIE FÜLLEREI FINDORFF« ist der erste UnverpacktLaden iM STADTTEIL


In Findorff hat ein solcher Laden bisher gefehlt !

Die »Füllerei Findorff« sind Nele-Marie Leemhuis, Carolin Güldner und Nora Osler. Alle drei ergänzen sich durch ihre unterschiedlichen Hintergründe perfekt. Nele ist gebürtige Findorfferin. Sie probiert ständig neue Dinge aus und kann nie wirklich stillsitzen. Derzeit studiert sie noch an der Universität Bremen. In ihrer freien Zeit beschäftigt sie sich viel mit dem Thema Klimaschutz und umweltbewusstes Leben. Carolin Güldner ist gelernte Polizistin und produzierte noch vor ein paar Jahren Sicherheit in Findorff. Dafür musste sie jeden Tag ins Auto steigen. Fahrten im Streifenwagen konnte sie gut mit ihrem Gewissen vereinbaren. Für alle anderen Wege nutzt sie lieber das Fahrrad. Damit fuhr sie auch immer zu ihrem bisherigen Unverpacktladen in der Bremer Neustadt. Jetzt hat sie sich mit kurzen Wegen eine Alternative geschaffen. Nora Osler ist die Inhaberin der »Füllerei Findorff«. Sie hat bereits ein Studium der Biologie/Ökologie, eine Ausbildung zur Raumausstatterin und eine Weiterbildung zur Gestalterin im Handwerk erfolgreich absolviert. Seit ein paar Jahren ist Nora selbstständig auch als Polsterin in Findorff unterwegs. Sie findet Nachhaltigkeit und umweltbewusstes Leben wichtig. Mit der »Füllerei Findorff« möchte sie gemeinsam mit allen UnterstützerInnen möglichst vielen Menschen ermöglichen, zukünftig auf Plastik und Einwegverpackungen zu verzichten. Als Nele, Caro und Nora sich erstmals darüber unterhielten, war die Entscheidung schnell gefallen: »Wir brauchen einen Unverpacktladen in Findorff und wenn es sonst niemand macht, dann gehen wir es an !« Den gibt es jetzt, ebenso wie alle weiteren Infos und ein anschauliches Video, das zeigt, wie unverpackt einkaufen geht, auf www.fuellerei.de

 


Nora, Caro und Nele, Ihr habt mit der »Füllerei Findorff« den ersten Unverpacktladen im Stadtteil eröffnet. Nicht alle unserer LeserInnen wissen, was sich dahinter verbirgt. Was genau ist ein Unverpacktladen ?

 

Caro: Das ist ganz einfach: Ein Unverpacktladen ist ein Laden, in dem man seine Verpackungen selbst mitbringt – in welcher Form auch immer. Das können Dosen, Boxen oder Beutel sein, um darin die angebotenen Lebensmittel, die bei uns im Laden überwiegend Trockenprodukte sind, direkt aus den großen Spendern in die Behältnisse zu füllen. Unser Ziel ist es, überflüssige Einwegverpackungen zu sparen und dadurch weitestgehend Verpackungsmüll zu vermeiden.

 

Unverpacktladen heißt auch nahezu kompletter Verzicht auf Plastik. Ich frage mal ganz naiv: Warum ist Plastik »böse« ?

 

Caro: Das müssen wir nicht wirklich noch erklären – das sollte doch inzwischen jedeR wissen ! Wer nicht weiß, was der ganze Plastikmüll verursacht, hat in den letzten Jahren wahrscheinlich weit entfernt von jeder Zivilisation in einer Höhle gewohnt.

 

Mitte 2019 habt Ihr mit den Vorbereitungen für die Eröffnung begonnen. Was war alles zu berücksichtigen und welche unterschiedlichen Erfahrungen habt Ihr in dieser Zeit gemacht ?

 

Nele: Erst einmal haben wir uns gefunden. Dann musste ein Laden her. Zugleich galt es, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen – und, und, und. Es gab unzählige Aufgaben, die zu tun waren. Man kann im Rückblick gar nicht alle mehr aufzählen.

 

Nora: Als wir die Gewerbeimmobilie in der Borgfelder Straße im Juli 2019 gefunden hatten, die wir Dank unseres Vermieters, der ESPABAU, im Dezember frisch saniert übernehmen konnten, ging es in die Feinabstimmung: Welche Wege einer Finanzierung gibt es ? Welche Produkte wollen wir anbieten ? Wie wollen wir unser Sortiment präsentieren ?

 

Ihr wohnt alle drei in Bremen, kauft selbst unverpackt ein und versucht, wo es geht, nachhaltig zu leben. Wie kam Euch die Idee, einen Unverpacktladen zu gründen ?

 

Nora: Wir sind alle unabhängig voneinander auf die gleiche Idee gekommen und als wir dann darüber gesprochen haben, war es plötzlich glasklar, dass wir es gemeinsam umsetzen

wollen – und los ging es.

 

Warum habt Ihr Findorff als Standort gewählt ?

 

Caro: In Findorff hat ein solcher Laden bisher gefehlt !

 

Nele: Wir finden, jeder Stadtteil in Bremen sollte mindestens einen Unverpacktladen haben.

 

Für die Finanzierung von nachhaltigen Lebensmittelspendern aus Glas und einer Nussmusmühle habt Ihr letztes Jahr auf www.startnext.com eine Crowdfunding-Aktion gestartet. »Startnext Crowdfunding« unterstützt Projekte, Startups und innovative Produkte. Wie funktioniert das formal ? 

 

Nora: Man beantwortet online Fragen zum Projekt und stellt sich und das Projekt mit einem Video auf der Plattform im Internet vor. Dieses Video gibt es auf »youtube« immer noch zu sehen. Menschen, die das Projekt gut finden, können durch Spenden oder gegen kleine »Dankeschöns« unterstützen.

 

Was waren Eure kleinen »Dankeschöns« ?

 

Nora: Es gab kleine und große »Dankeschöns«, zum Beispiel selbst bedruckte Einkaufsbeutel oder die Einladung zu einer exklusiven Feier noch vor der Eröffnung.

 

Caro: Sehr schön fand ich ein gespendetes »Dankeschön« von »Hinterhofhonig« aus Findorff, durch das UnterstützerInnen bei einer Honigernte dabei sein können. 

 

Euer erstes Fundingziel waren 12.000 Euro, die zweite Stufe waren 20.000 Euro. Habt Ihr die Endsumme erreicht ? 

 

Nele: Ja, das haben wir. Die große Unterstützung hat uns sehr gefreut – und wir danken allen, die an unser Projekt glauben.

 

Nora, Du bist gelernte Raumausstatterin. Ihr habt Euch alle sehr viele Gedanken über die Einrichtung und Ausstattung der »Füllerei Findorff«, aber auch über Euer Sortiment gemacht. Was wird es in der »Füllerei Findorff« zu kaufen geben ?

 

Nora: Wir führen trockene Lebensmittel wie Zutaten für Müslis, Nudeln, Getreide und Hülsenfrüchte. Wir haben Süßwaren wie leckere Schokolade, veganes Weingummi und Knabberkram in verschiedenen Mischungen. Außerdem haben wir nachfüllbare Reinigungsmittel und weitere kleine Überraschungen, die große Freude machen und die man im Laden entdecken kann. 

 


Wir sehen uns als Ergänzung zum Findorffmarkt.

Welche Produkte wird es bei Euch nicht zu kaufen geben, die potentielle KundInnen vielleicht erwarten würden ?

 

Caro: Wir sind kein normaler Bioladen mit Komplettsortiment. Insofern gibt es bei uns kein Fleisch und auch kein Tierfutter. Es wird auch kein Obst und Gemüse geben, denn wir sehen

uns als Ergänzung zum Findorffmarkt.

 

Sehr gutes Stichwort ! Der etwas versteckte Standort der »Füllerei Findorff« ist die Borgfelder Straße 17, die fußläufig vom Findorffmarkt eine Minute entfernt ist. Ich dachte bisher immer, dass es dort dreimal die Woche nahezu alles gibt. Was bietet Ihr, was der Findorffmarkt nicht hat ?

 

Nora: Unser ausgesuchtes Angebot an trockenen Lebensmitteln und unverpackten Süßigkeiten wird man auf dem Markt so eher nicht finden, ebenso wie nachfüllbare Reinigungsmittel. Auch haben wir während  der Woche mit unseren Geschäftszeiten den ganzen Tag geöffnet – und sind auch samstags für Euch da. 

 

Auf dem Findorffmarkt konnte man lose Milch kaufen, aber seit längerer Zeit ist der freundliche Milchmann, der alle StammkundInnen mit Namen kannte, leider nicht mehr da.

Wird es bei Euch auch einen Milchspender geben, damit man in Findorff wieder lose Milch kaufen kann ?

 

Alle drei: Jaaaaa ! 

 

Caro: Es wird lose Vollmilch geben. Die Milch wird von einem regionalen Anbieter in einem Edelstahlkanister angeliefert, der direkt im Laden in den Milchspender eingesetzt wird. 

 

Nora, Du wirst als Gründerin und Inhaberin der »Füllerei Findorff« den Laden führen. Selbstständige Existenzgründungen sind nie ohne Risiko. Hattest Du schon schlaflose Nächte ? 

 

Nora: Seitdem die Entscheidung gefallen ist, mit dem Unverpacktladen zu starten, schlafe ich tatsächlich viel besser, als in den Jahren zuvor. Ich bekomme nicht mehr Schlaf, weil ich abends noch viele Sachen zu erledigen habe, aber wenn ich erstmal schlafe, schlafe ich deutlich besser im Vergleich zu früher.

 

Caro und Nele sind Unterstützerinnen. Wie ist das Innenverhältnis unter Euch definiert. Entscheidet Ihr gemeinsam oder hat Nora als verantwortliche »Chefin« das letzte Wort ?

 

Caro: Beides ist richtig. Es gibt Entscheidungen, die müssen einfach akut getroffen werden. Wenn wenig oder keine Zeit ist oder wir zwei nicht zugegen sind, entscheidet natürlich Nora. 

Nele: Es gibt auch Fragen, zu denen wir uns alle nicht so sicher sind. Wir geben unseren Senf dazu und verstehen uns dabei als freundschaftliche Beraterinnen.

 

Eure gesamte Ware ist lose. Wenn ich keine eigenen Behältnisse dabei habe, kann ich die bei Euch auch leihen oder kaufen ?

 

Nora: Ja, das ist möglich. Es gibt bei uns neue Gläser, aber es wird auch eine Ecke im Verkaufsraum geben, in der KundInnen ihre Gläser bei uns deponieren können. Schöne Gläser, die manche Leute übrig haben, nehmen wir gern in die Sammlung auf – wobei: Es soll natürlich aufgeräumt bei uns bleiben.

 

Ich möchte lose 500 Gramm Hülsenfrüchte, 200 Gramm unverpackte Schokolade und zwei Stück Seife kaufen. Im Supermarkt werfe ich alles gut verpackt in einen praktischen Einkaufswagen. Den gibt es bei Euch nicht. Was ist zu tun ? 

 

Nora: Einfach einen Beutel, Korb oder eine Fahrradtasche mitbringen. Es wird auch Körbe bei uns geben. Für Einkaufswagen haben wir zu wenig Platz. Die sind auch nicht notwendig, denn der Laden ist ja ziemlich überschaubar. Man kann die Waren einfach auf den Ladentisch tun. Für besondere Problemfälle gibt es notfalls auch eine persönliche Einzelbetreuung (lacht).

 

Ist das Preisniveau bei Euch vergleichbar mit einem konventionellen Supermarkt oder seid Ihr sogar günstiger, weil man an der Ware ja die Verpackung spart ?  

 

Nora: Wir bieten in erster Linie Produkte in Bio-Qualität und von kleinen Manufakturen an. Unsere Produkte kann man also preislich natürlich nicht mit einem Discounter vergleichen. Und auch für große Supermärkte wird sozial und ökologisch unter ganz anderen Bedingungen produziert. Die Preise für unsere Produkte liegen ungefähr im Bereich eines Biosupermarktes und sind dabei fair kalkuliert. 

 

Wie und in welchen Mengen verpackt wird die im Laden unverpackt angebotene Ware eigentlich bei Euch angeliefert ? 

 

Nora: Das ist unterschiedlich. Es wird in großen Verpackungseinheiten aus Papier und Karton angeliefert. Aber es gibt auch Waren, die feuchtigkeitsempfindlich sind – und in diesem Fall ist leider manchmal immer noch Plastik im Spiel. Ansonsten aber gilt: Plastik kommt bei uns nicht in die Tüte. Außerdem setzen wir verstärkt auf LieferantInnen, die unterschiedliche Pfandsysteme und andere nachhaltige Verpackungslösungen nutzen, so dass auch die Großverpackungen nicht einmal, sondern immer wieder eingesetzt werden.

 

Ihr sagt über Eure potentiellen KundInnen: »Zielgruppe sind eigentlich alle.« Das sehe ich anders. Sollte man die »Füllerei Findorff« – zumindest unter dem Aspekt der avisierten Zielgruppen – nicht eher mit einem Bioladen vergleichen, da auch Ihr Euch an umweltbewusst denkende KundInnen richtet ? 

 

Nele: Als Unverpacktladen führen wir zwar hauptsächlich Bioprodukte, sind aber dabei kein klassischer Bioladen. Wir haben als Zielgruppe zum Beispiel ältere Menschen, die es noch von früher kennen unverpackt einzukaufen und sich jetzt freuen, ganz bedarfsgerecht auch kleine Mengen abzufüllen. Auch auf umweltbewusste junge Familien im Stadtteil setzen wir, ebenso wie auf Menschen aller Generationen, die nachhaltiges Einkaufen für sich ausprobieren möchten. 

 

In Eurem Ladengeschäft gibt es auch eine kleine Lese- und Sitzecke, in der man sich über Themen wie »Zero Waste«, also im Alltag möglichst keinen Müll zu erzeugen, austauschen und informieren kann. Ihr möchtet zukünftig auch interessante Veranstaltungen wie Vorträge über Nachhaltigkeit im Alltag anbieten und »Do it yourself«-Workshops durchführen. Was dürfen wir demnächst erwarten ?

 

Cora: Die Planungen für Veranstaltungen und kleine Events gehen wir erst an, wenn wir den Laden halbwegs etabliert haben. Das hat momentan eindeutig Priorität. Wir sind aber äußerst optimistisch, dass die FindorfferInnen einen neuen, schönen Unverpacktladen gut annehmen werden. Ideen für Veranstaltungen gibt es schon viele, auch in Kooperation mit Gleichgesinnten, wie mit der Findorffer Seifenmanufaktur »Martha‘s Corner«, die uns bereits beliefert. Es ist, bleibt und wird spannend. Einfach ab und zu bei uns auf »facebook« schauen: Dort und auf unserer Internetseite werden wir Events zeitnah ankündigen.

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Martin Bockhacker, www.bildplantage13.de
Interview erschienen in Ausgabe Nr. 13, 2020

 

© Martin Bockhacker, Bildplantage13
© Martin Bockhacker, Bildplantage13