KAI HAVAII VON »EXTRABREIT« ÜBER SCHNELLE ERFOLGE, IRRTÜMER UND SEIN NEUES BUCH


Wir waren jung, wild und ungestüm.

Kai Havaii wurde 1957 in Hagen geboren, lebt heute in Hamburg und bereist viel das Ruhrgebiet. Seine Hobbys sind Fußball und Skat. 1979 wurde er nach sehr kurzem Germanistikstudium und Jobs als Taxifahrer und Cartoonist im Alter von 22 Jahren vom Musikfan zum Sänger von EXTRABREIT. Kai Havaii arbeitet heute auch als freier Autor  – u.a. für das ZDF und ARTE. Er hat zwei Bücher veröffentlicht. Er ist nach wie vor Musikfan, raucht immer noch und fährt weiterhin kein Auto. Im November liest er im »Thalia-Buchhaus« in der Obernstraße 44-54 und im Dezember kommen EXTRABREIT für das in diesem Jahr vorletzte Konzert ins Bremer »Lagerhaus«. www.die-breiten.de

 


 

Kai, ich habe recherchiert: Dein heutiger Interviewpartner war achtzehn Jahre alt, als er 1981 in der unwirklichen Atmosphäre der »Rotation« seine erste, unvergessene Live-Begegnung mit EXTRABREIT hatte. Euer Konzert im Anzeiger-Hochhaus, jenes Gebäude, in dem Rudolf Augstein nach dem 2. Weltkrieg den »Spiegel« gründete, war laut, hart und schnell. Der Eintritt betrug 1,50 Deutsche Mark. Der »Spiegel« wird immer dünner, EXTRABREIT aber sind auch 40 Jahre später weiterhin dick im Geschäft. Wie schafft man es, sich so lange im Musikbusiness zu halten ?

 

Man schafft es, indem man immer weiter macht. Es gab zwar Krisen, Trennungen und persönliche Abstürze, aber wir haben uns nach längeren Pausen jedes Mal wieder zusammengerauft. Besonders in den letzten Jahren zeigt sich, dass es gut war, durchzuhalten und weiter zu machen. Das wird honoriert.

 

Mein großer Bruder besaß Eure erste Langspielplatte. Ich fand die kurzen, hektischen Stücke, aber auch das knallig pinkfarbene Cover zwischen Comic und Copyart gut, ebenso wie den für Newcomer leicht größenwahnsinnigen, wenngleich auch rückblickend sehr prophetischen Titel »Ihre größten Erfolge«. Plötzlich hörten wir alle »Hurra, hurra, die Schule brennt«, »Annemarie«, »Hart wie Marmelade« und »Flieger grüß mir die Sonne«, ein Lied von Hans Albers, das ihr gecovert habt. Hat Euch der Erfolg damals überrascht ? 

 

 

Unser Erfolg, wie wir ihn Anfang der Achtzigerjahre hatten, kam für uns in der Dimension absolut überraschend. Als wir anfingen, konnten wir uns nicht vorstellen, dass wir einmal eine ganze Jugendgeneration bewegen würden. Wir waren anfangs eher eine Szene-Band, die im eigenen Stadtteil in der Subkultur verankert war. Von solchen Dingen wie »Charts« hatten wir überhaupt keine Ahnung. Der Erfolg hat uns tatsächlich sehr überrascht, um nicht zu sagen überrollt.

 

Du hast in einem Interview gesagt: »Dass aus mir ein Rocksänger werden würde, ist mir wirklich nicht in die Wiege gelegt. Es gab bei uns in der Familie den Konsens, dass wir alle mitleiderregend unmusikalisch sind.« Bandgründer Stefan Kleinkrieg fand das nicht. Du wurdest als singender Frontmann verpflichtet. Bist Du Sänger wider Willen geworden – und wie geht man damit um, wenn man anfangs glaubt, dass man das, was man sehr öffentlich betreibt, eigentlich gar nicht kann ?

 

»Wider Willen« kann man nicht sagen, aber dass ich plötzlich der Sänger von EXTRABREIT werden sollte, war für mich schon überraschend. Ich habe mich von den Jungs überreden lassen, einmal unverbindlich mit in den Proberaum zu gehen, aber dann hat es mich sehr schnell gepackt. Nach dem ersten Gig war ich ziemlich gezündet. Wahr ist aber auch, dass ich noch während wir unser erstes Album aufnahmen, gezweifelt habe, ob in einer Band zu singen das Richtige für mich ist. Ich war Cartoonzeichner. Im Zeichnen habe ich meine Zukunft gesehen. Es ist anders gekommen und das war ja auch gut.

 

Viele Hits aus der Anfangszeit spielt ihr noch heute für die Fans. EXTRABREIT hatte für mich von Anfang an eine unglaublich gute, nervös-neurotische Energie. Kann man die über 40 Jahre konservieren ? 

 

Ich weiß es nicht. Das müssen andere beurteilen. Wenn ich mir heute unser Konzert 1982 in der Westfalenhalle ansehe: Das hatte schon eine unheimliche Elektrizität. Wir waren jung, wild und ungestüm; also voll auf »Sturm und Drang«. Das sind Gefühle gewesen, die heute nicht mehr abrufbar sind. Was man aber weiterhin kann,  ist sich so intensiv wie möglich in die Musik hineinzugeben. Das gelingt uns nach wie vor sehr gut. Das Publikum trägt uns als Band und wir tragen das Publikum. Dieses Wechselspiel funktioniert. Ich glaube auch nicht, dass wir an Energie verloren haben.

 

Von »Fehlfarben«, einer anderen Band aus der Zeit, die mit Euch am Start waren und ebenfalls weiterhin live aktiv ist, gibt es die Textzeile: »Wir können, was gut war, sowieso nicht wiederholen.« Stimmt das ?

 

Die Zeile stimmt insofern, als dass man Vergangenes tatsächlich nicht wiederholen kann. Vergangen ist vergangen. Auch Irrtümer, die man begangen hat, kann man nicht wieder rückgängig machen. Es gab für uns als Band intensive Höhepunkte, die wird man so nie wieder erleben. Das alles ist richtig, hat aber nichts damit zu tun, was jetzt in der Gegenwart passiert. Wir sind immer wieder freudig überrascht. Ein Beispiel: Wir haben in diesem Jahr zum zweiten Mal beim Wacken Open Air gespielt und es war dieses Jahr noch voller und noch grandioser. Das sind neue Highlights, die wir zuvor noch nicht hatten.

 

Ebenfalls unvergessen ist »Polizisten« aus dem zweiten Album »Welch ein Land ! – Was für Männer !«, ein echter Evergreen, für den Du den Text und zum Teil die Musik geschrieben hast. Die Single war unglaubliche 21 Wochen in den deutschen Charts. In dem Text geht es um das Seelenleben dieser Berufsgruppe und wie man die Gesellschaft überwachte. Ist die Polizei von heute noch wie die Polizei von damals in den frühen Achtzigern, als der scheinbar ewige Helmut Kohl Bundeskanzler geworden war ?

 

Nein, wir haben heute eine ganz andere Atmosphäre. Die damalige Situation war, dass wir die personelle und materielle Aufrüstung der Polizei ebenso unangenehm empfanden wie die neu aufkommenden Überwachungskameras. Wir waren der Meinung, dass diese Aufrüstung jede Verhältnismäßigkeit verloren hatte. Wenn ich mir jetzt die Arbeit der Polizei anschaue, muss ich sagen, dass die heutigen PolizistInnen es in vielerlei Hinsicht wirklich nicht leicht haben. In deren Köpfe zu schauen war eigentlich die Intention des Textes von »Polizisten«, wobei wir sie zugleich auf den Arm genommen haben. Aber wir waren weit entfernt von Parolen wie »Haut die Bullen platt wie Stullen !«, wie sie in der linken Szene geläufig waren. Heute kommen die PolizistInnen zu uns backstage und wollen Selfies mit EXTRABREIT machen. So ändern sich die Zeiten.

 


Ich habe gedacht: ›Nein, so möchte ich nicht enden‹

 

»Polizisten« wurde mehrfach gecovert. Warum konntest Du die Version von Heino nicht verhindern ?

 

Wenn jemand einen Song nah am Original covert, kann man das nicht verhindern. Jeder kann das machen. Insofern stand das gar nicht zur Debatte. Es gibt so viele Coverversionen von »Polizisten« – warum sollte nicht auch noch Heino eine machen ? Seine Version bereitet mir jedenfalls keine schlaflosen Nächte.

 

Im Laufe Deiner Karriere gab es mit EXTRABREIT Duette mit der unvergessenen Hildegard Knef und dem großartigen Harald Juhnke, die gut funktioniert haben. Wie kam es dazu ?

 

Mit Hildegard Knef war es so, dass unser Gitarrist Stefan eines Tages mit einer Langspielplatte ankam, auf der »Für mich soll’s rote Rosen regnen« als Chanson war. Ich kannte das Stück von meinen Eltern. Wir haben eine Coverversion gemacht und wollten wissen, was Hilde davon hält. Wir haben sie ausfindig gemacht, was tatsächlich nicht einfach war, weil zu der Zeit kein Mensch mehr von ihr sprach. Wir ließen ihr unsere Version auf Kassette zukommen. Sie sagte ganz spontan: »Da will ich dabei sein !«. Wir haben das Duett gemacht – und der Rest ist Geschichte. Ich kann sagen, die Begegnung mit ihr gehört für mich zu den absoluten Highlights. Die Knef war eine äußerst interessante Frau. Wir hatten die ein oder andere Gemeinsamkeit: Unsere Karrieren liefen alles andere als glatt. Und auch sie hatte mal Suchtprobleme. Nach Ihren Krebsoperationen war sie eine Zeit lang abhängig von Morphium. Es gab Einiges, was uns verbunden hat – und wir haben viel über unsere Leben geredet. Mit Harald Juhnke war es so, dass wir zuvor überlegt hatten, wie man nach Hilde vielleicht einen weiteren, besonders kultigen Duettpartner finden könnte. Irgendwann kamen wir auf ihn, auch weil ich zu der Zeit in Berlin gelebt habe. Wir haben dann »Nichts ist für immer« geschrieben – schon ganz konkret auf Harald als Partner zugeschnitten. Er war sofort sehr aufgeschlossen, hat aber vorher zur Absicherung noch seinen Sohn gefragt – und so ist es passiert.

 

Harald Juhnke und Hildegard Knef waren beide äußerst individuelle Charaktere – und für uns als Jugendliche Stars aus längst vergangenen Zeiten. Hast Du ein Faible für charakterstarke EntertainerInnen der alten Schule ? 

 

Das mag so sein, zumal Hildegard Knef eine Erscheinung war, wie man sie sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Sie hatte als Künstlerin eine besondere, schillernde Aura. Insofern habe ich ein Faible für Menschen aus dieser Generation, die wie die Knef unglaubliche Brüche in Leben und Karriere erlebt haben.

 

Was hast Du aus den Begegnungen mit solchen Showgrößen für Dich persönlich mitgenommen ?

 

Hildegard Knef hatte diese Unverwüstlichkeit, einen absolut schwarzen Humor und ihren Stoizismus. Davon konnte man sich Einiges an Positivem abgucken. Andererseits hatte sie, die sonst ein absoluter Vollprofi war, vor gemeinsamen Fernsehauftritten ein beinahe unerträgliches Lampenfieber. Ich bin zwar auch immer nervös, bevor es losgeht, aber so extrem könnte ich mir das nicht antun. Juhnke hatte als Schauspieler eine unglaubliche Professionalität. Er war absolut diszipliniert, als wir mit ihm das Video zu »Nichts ist für immer« drehten, obwohl er schon nicht mehr so gut dabei war. Abschreckend war, dass er von einer Aura von Einsamkeit umgeben war. Ich habe ihn manchmal bedauert und gedacht: »Nein, so möchte ich nicht enden.«

  

 

Über Deine Geschichte hast Du ein Buch geschrieben. Titel: »Hart wie Marmelade; Erinnerungen eines Wahnsinnigen«. Auf Amazon schrieb jemand: »Der Autor rechnet mit sich ab und mit niemandem anders. Wie wahnsinnig warst Du ? 

 

Das Wort »wahnsinnig« ist sicherlich nicht unangebracht. Es gab Zeiten, die waren sehr schnell und extrem exzessiv. Man konnte oft zurecht sagen: »Das ist doch Wahnsinn !«. Weiche Drogen, harte Drogen. Schnelle Frauen, dicke Autos – oder auch umgekehrt (lacht). Es hat uns Spaß gemacht, das Rock ’n’ Roll-Klischee auszuleben– schließlich waren wir ja laut BRAVO die »Bad Boys der NDW«. Aber alles hat seine Zeit und irgendwann war es nicht mehr so lustig. Es gab Zeiten, in denen mich die Drogen absolut verschlungen haben. Es gab manische Phasen, die mich in die ein oder andere schwierige Situation gebracht haben – und ein paar mal stand ich nah am Abgrund. Aber das ist lange her, und mittlerweile kann ich sagen, dass ich den Wahnsinn ganz gut eingezäunt habe. Ich lebe jetzt viel bedächtiger und ruhiger. Das bekommt mir sehr gut.

 


Wir werden alle eine Menge Spaß haben.

 

In Deinem ersten Buch »Hart wie Marmelade« schilderst Du dieses Leben als rasanten Trip mit allen Höhen und Tiefen. Worauf hättest Du rückblickend verzichten können ?

 

Die Irrtümer, die man begangen hat, lassen sich nun mal nicht mehr rückgängig machen. Sie prägen und oft kann man auch etwas Positives herausziehen. Es macht einfach keinen Sinn, Fehler ewig zu bedauern. Man sollte sagen: »Okay, das war falsch und so würde ich mich nicht noch einmal verhalten.« Von Jean-Paul Sartre stammt das Zitat: »Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug.« So ist es.

 

Im September ist Dein zweites Buch »Rubicon« erschienen; diesmal keine Biografie, sondern ein Thriller. Es geht um einen ehemaligen Scharfschützen der Bundeswehr, der ein unmoralisches Angebot annimmt. Wie bist Du auf den Plot gekommen ?

 

Gut recherchierte Thriller mit einem aktuellen oder zeitgeschichtlichen Hintergrund habe ich bereits als junger Mann gern gelesen. Und es war immer schon mein Traum, irgendwann ein richtig dickes Buch dieser Art zu schreiben. Die Idee für den Plot entstand, als ich einen Zeitungsartikel las, der von einem ehemaligen Elitesoldaten der Bundeswehr handelte, der sich als Auftragskiller angeboten hatte. Er war wohl nicht der Hellste – und flog schnell auf. Ich habe mich gefragt, wie wäre die Geschichte wohl weitergegangen, mit jemandem, der es richtig drauf hat. Ich bin dann ziemlich tief in die Materie eingetaucht. Ich habe lange Interviews mit Afghanistan-Veteranen geführt und versucht, die Psychologie eines Soldaten zu erfassen, der sich in einer Extremsituation befindet. Intensive Recherchen machen mir großen Spaß. Tatsache ist: In Afghanistan befand sich die Bundeswehr im Krieg – und in dem Buch geht es auch darum, was der Krieg in einem Menschen auslösen kann.

 

Wie unterscheidet sich der Buchautor vom Musiker Kai Havaii ? 

 

Bücher zu schreiben ist eine sehr einsame Beschäftigung, für die man viel Ruhe braucht. Einen geschützten Raum, in dem ich meiner Phantasie freien Lauf lassen kann. Auf Tour gehen hat hingegen viel mit Kommunikation zu tun. Man kommuniziert mit der Band, den Technikern und dem Publikum. Ich liebe beides. Für mich ist es gut, immer wieder zurück an den Schreibtisch zu kommen, wo ich meine Ruhe habe. Umgekehrt ist es aber auch immer wieder gut, mit der Band oder zu Lesungen loszuziehen und die Blase des Schreibens zu verlassen.

 

Wird es von Dir auch eine Lesung in Bremen geben ?

 

Ja, ich lese aus »Rubicon« am Freitag, den 15. November um 19:30 Uhr im »Thalia-Buchhaus« in der Obernstraße in Bremen.

 

Apropos Bremen: Euer Konzertveranstalter Hartwig Komar lebt und arbeitet mit seiner Agentur »On Stage Promotion« in Findorff. Wie ist es zu Eurer Zusammenarbeit gekommen?

 

Hartwig hat uns angefragt. Er ist ein sehr angenehmer und zuverlässiger Typ. Alles hat bisher gut geklappt.

 

Zum Schluss kurz noch der Werbeblock: Warum wird das Konzert von Extrabreit am 29. Dezember im Lagerhaus in Bremen eine wahrhaft schöne Bescherung in der Nachweihnachtszeit, an der man unbedingt teilhaben sollte?

 

Mit EXTRABREIT kann man eine unglaubliche Band erleben, wie es sie heute kaum noch gibt. Nie waren wir so wertvoll wie heute – und wir werden alle eine Menge Spaß haben.

 

Interview: Mathias Rätsch, Foto: Andreas Läsker, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 12, 2019

 

© Andreas Läsker
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