STUMPF BETRACHTET: FOLGE 7


Die Glühweingrenze

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Moin ! Heute geht es um ein Thema, das mich schon seit fast einem Jahr bewegt: Die Glühweingrenze ! Die Glühweingrenze ? Was ist das denn ? Pass‘ auf, der Klaus Brüggenjürgen erzählt euch das: »Jo, da war ich mit meiner Beate abends mal in so ‘nem Stadtteil unterwegs, was selten vorkommt. Kurz vor Weihnachten war das. Da roch das umme Ecke ganz hübsch nach Glühwein und warmes, gemütliches Licht und Holzbuden gab es auch. 

 


Ich bin da aber eher so der Dosenbiertyp. Ich kann Glühwein riechen aber nicht trinken. Bei meiner Frau ist es andersherum. Sie also eben mit mir dahin, bevor der Bus kommt. Meine Beate bestellt einen Glühwein und ich mache mein Dosenbier auf. So ganz gemütlich. Das war schon hübsch da und ganz anders als sonst. Sonst stehen da keine Buden. Sonst sind da nur ein paar Bänke, Pflasterund so ungepflegtes Grünzeuchs. Dosenbier habe ich da schon oft getrunken mit meinen Kumpels. Aber wenn da die Buden stehen, soll ich das nicht mehr. Da kommt da nämlich so ein Gimli um die Ecke und sagt mir, dass ich das nicht darf. Ich soll da was kaufen. Ich frage dann, was das soll. Wer macht denn die Regeln hier ? Das ist doch öffentlich. Nene, sagt er dann. Das gehört alles dem Glühweinmogul. Und dann sagt er mir auch noch, dass ich die Weihnachtslieder ausmachen soll, die ich auf meinem Handy abspiele. Musik ist da auch verboten. Regel von Glühweinmogul, der da alles plötzlich nutzt. Für drei Monate sagte der Gimli. Alles privat. Der hat das auf Zeit ›gekauft‹. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Neun Monate kann ich da machen, was ich will, und dann kommt Glühweinmogul und zieht ne Glühweingrenze. Ich glaube ich spinne.«

 


Der Platz, der sonst allen gehört, nutzt plötzlich nur einer – und zwar um daraus Kapital zu schlagen.

Was uns der Klaus hier erzählt, ist kein Phänomen und auch gar nicht selten. Es ist die privatwirtschaftliche Aneignung öffentlicher Räume für kommerzielle Zwecke. Der Nutzung von Fläche mit Hausrecht. Der Platz, der sonst allen gehört, nutzt plötzlich nur einer – und zwar um daraus Kapital zu schlagen. Das klingt härter, als es gemeint ist, aber der Mechanismus ist simpel: Eine Stadt stellt ihre zentrale Fläche einem privaten Veranstalter für eine bestimmte Zeit – und seit aus Weihnachtsmärkten Winterwelten werden – auch schon mal für drei Monate zur Verfügung. 

Das nennt man Sondernutzungsrecht. Dazu gibt es die Sondernutzungskostenordnung, die, abhängig vom Nutzungszweck, die Pacht regelt. Die Konditionen von 29,00 Euro pro Tag für ca. 750 qm sind mit »Schnäppchenpreis« noch sehr zurückhaltend beschrieben – im Vergleich zu den hohen Mieten, die andere Gastronomen zahlen.

 

Der Veranstalter wiederum verwandelt die Fläche in ein abgegrenztes, regelbewehrtes Areal mit eigener Hausordnung. Kein Mitbringen von Getränken, kein Radfahren, kein spontanes Musizieren – kurzum: keine Öffentlichkeit mehr, sondern »Weihnachts(markt)kneipe GmbH & Co. KG« oder so ähnlich.

 

Absurd ist: Die BürgerInnen bezahlen doppelt. Sie finanzieren die Pflege, Reinigung und Beleuchtung dieser Plätze das Jahr über – und dürfen dann über Monate nur noch als KonsumentInnen hinein. Wer einfach dort sitzen, durchatmen oder den Lichterglanz genießen will, ohne gleich vier Euro für einen Kinderpunsch zu bezahlen, ist plötzlich fehl am Platz. Der öffentliche Raum, dieser seltene Ort, wo niemand etwas kaufen muss, ist weder »Nachbarschaftstreff« noch »Sozialstation«, sondern wird zur kommerziellen Verkaufsfläche.

 


Es ist schön, wenn Städte leuchten. Aber es wäre noch schöner, wenn sie dabei offenblieben.

Natürlich, Weihnachtsmärkte sind beliebt. Sie schaffen Atmosphäre, Begegnung und vielleicht sogar so etwas wie Gemeinschaftsgefühl. Aber das sollte man nicht verwechseln mit Öffentlichkeit. Gemeinschaft entsteht aus Teilhabe, Öffentlichkeit aus Offenheit – beides verträgt sich  schlecht mit Zäunen, Kontrollen und Standgebühren. Wo alles eine Marke ist, wird auch das Beisammensein zur Veranstaltung. Und die Stadt ? Die spielt Hausmeister zur kommerziell genutzten Kulisse.

Das Phänomen reicht über die Weihnachtszeit hinaus: Immer häufiger wird öffentlicher Raum als Bühne für privatwirtschaftliche Nutzung umgewidmet. Der Platz wird zum Eventplatz, der Park zum Pop-up-Erlebnisraum. Was bleibt, ist der Eindruck, dass sich Stadtleben nur noch dort abspielt, wo es sich »rechnet«. Und dass Öffentlichkeit kein Wert an sich mehr ist, sondern eine temporäre Kulisse für Konsum.

 

Vielleicht ist es an der Zeit, wieder über das Gegenteil zu sprechen: über das kostbare Alltägliche. Über Plätze, auf denen man einfach nur sein darf. Über Ecken, die nicht dekoriert, eingezäunt oder mit Logos zugepflastert sind. Orte, an denen Kinder rennen, Alte sitzen, Jugendliche sich treffen – ohne dass jemand eine Genehmigung, eine Eintrittskarte oder Becherpfand braucht. Denn das Wesen des öffentlichen Raums ist die Offenheit. Er gehört allen, gerade auch denen, die in einer Stadt mit einer Armutsquote von über 25 % wenig bis nichts zu kaufen haben. Wenn diese Offenheit verloren geht, verlieren wir mehr als nur ein Stück Pflaster – wir verlieren ein Stück Stadtgesellschaft. Vielleicht sollten wir uns das ins Gedächtnis rufen, bevor wir das nächste Mal an einem Glühweinstand stehen, zwischen Buden, die den Blick auf das eigentliche Herz der Stadt versperren. Und uns fragen, wem dieser Platz hier eigentlich gehört – und wer ihn sich gerade genommen hat.

 

Es ist schön, wenn Städte leuchten. Aber es wäre noch schöner, wenn sie dabei offenblieben.

 

Fotocollage Kreis: privat, san4ez, www.shutterstock.com

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