STUMPF BETRACHTET: FOLGE 8


Ich sehe nichts, was Du nicht siehst !

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Moin ! Erinnert ihr euch noch an das Kinderspiel »Ich sehe nichts, was du nicht siehst« oder so ähnlich ? Als Architekt und Stadtplaner laufe ich mit einem beruflich deformierten Blick durch Bremen. Ich sehe Gebäude, die bröckeln und Konzepte, die bluten. Aber heute geht es um das große Verschwinden. Um etwas, das lautlos aus dem Stadtbild sickert, während wir über Taubenhäuser, Hundefreilaufflächen und andere Nebensachen streiten. Es geht um die Sozialwohnung – das bedrohte Einhorn der Bremer Wohnungspolitik.

 


In Bremen herrscht eine fatale Entropie. Wir schauen einer Sanduhr beim Laufen zu, bei der oben kaum ein Korn nachkommt, während es unten unaufhaltsam herausrieselt. Das Zauberwort der Immobilienwirtschaft heißt »Zweckbindung«. Wer vor Jahrzehnten mit öffentlichen Geldern gebaut hat, musste die Mieten sozial verträglich halten. Doch diese Bindungen haben ein Verfallsdatum.

Es ist eine mathematische Bankrotterklärung: Anfang der 90er-Jahre gab es in Bremen noch fast 79.000 Sozialwohnungen, 2010 waren es noch ungefähr 10.000 Einheiten. Heute ist dieser Bestand auf einen kläglichen Rest von rund 4.900 Einheiten (Stichtag 30. September 2025) zusammengeschrumpft. Und das Rieseln geht weiter: Allein in diesem und im nächsten Jahr fallen in der Stadt Bremen weitere 842 Wohnungen aus der Bindung. Währenddessen liegt der Neubau im Koma. Die gefeierte 30 Prozent-Quote bei Neubauten ist ein Papiertiger, da im letzten Jahr gerade einmal 261 neue geförderte Wohneinheiten überhaupt angestoßen wurden. Wir verwalten den Mangel, bis nichts mehr übrig ist.

 

Dieser Stillstand ist kein schleichender Prozess, der sich erst von der Mitte nach außen frisst – er ist längst überall da. Er ist der Grundzustand unserer Stadtentwicklung geworden. Doch statt echter Lösungen wird dieser Stillstand mit einer permanenten Ankündigungsrhetorik bunt angemalt. Man entwirft Leitbilder und Zukunftsvisionen, die wie frische Farbe auf bröckelndem Putz wirken, während sich an der Realität für die Suchenden nichts ändert.

 


Offensichtlich fehlt der politische Wille. Man setzt auf halbherzige Maßnahmen und Symbolpolitik.

Es ist ein Trauerspiel: Wir leisten uns einen erheblichen Leerstand von Immobilien, während gleichzeitig Menschen verzweifelt Räume suchen. Doch es fehlen die politischen Instrumente – keine Pflichten für EigentümerInnen, keine wirksamen Anreize, diesen Leerstand endlich in vitale, soziale Strukturen zu verwandeln. Wenn die Stadtplanung sich primär wirtschaftlichen Interessen unterwirft, die am Ende doch keine Investitionen tätigen, verlieren wir doppelt.

 

Die dystopische Konsequenz liegt auf der Hand: Wenn der Markt den Menschen keinen Platz zum Atmen mehr lässt und der Staat seine Schutzfunktion aufgibt, wird das Wohnen zum Überlebenskampf. In einer Stadt, die Wohnraum nur noch als ein Renditeobjekt begreift, könnte die Hausbesetzung von einer politischen Geste zur schieren Nothilfe werden. Wir sollten uns klarmachen, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen: Ob HausbesitzerIn oder HausbesetzerIn –

der Unterschied ist am Ende nur ein Vokal !

 

Warum ist das so ? Offensichtlich fehlt der politische Wille. Man setzt auf halbherzige Maßnahmen und Symbolpolitik. Man wartet auf den »rettenden Investor«, während die eigentlichen Stadtschätze – die Menschen und ihr bunter Zusammenhalt – verramscht werden. Wo bleibt die Transparenz bei der Verwendung unserer Steuergelder ? Stattdessen erleben wir eine bemerkenswerte Entschleunigung bei der Lösung existenzieller Probleme. Die zuständige Verwaltung agiert oft ausweichend und relativierend.

 

San Urbanio, unser Schutzpatron der Städte im planlosen Wandel, kann hier auch nur noch fassungslos auf die müden Strukturen starren. Er zeigt uns kein Licht, solange wir die Augen verschließen.

 

Wir müssen aufhören, den Verlust von Lebensqualität als »Wandel« schönzureden oder mit glänzenden Broschüren zu übertünchen. Wenn Wohnraum zum reinen Spekulationsobjekt verkommt, verliert die Stadt ihre Seele. Es ist Zeit, sich zusammenzutun, die Initiativen zu bündeln und die Stadt zurückzuerobern – bevor der letzte bezahlbare Wohnraum in einer Excel-Tabelle verdampft ist.

 

Fotocollage Kreis: privat, san4ez, www.shutterstock.com

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