Der »Bildungscampus Dresdener Straße« kommt und der Zeitraum bis zur Fertigstellung 2029 ist ambitioniert. Geplant ist der Neubau eines Gebäudes, das Schule und Betreuungseinrichtungen unter einem Dach beherbergen wird. Lilli Schmitz hat sich für FINDORFF GLEICH NEBENAN mit Dipl.-Ing Architekt (FH) AKG Björn Groß und Dipl.-Ing. Architekt (FH) Jan Fuchs getroffen, die das Bauprojekt »Bildungscampus Dresdener Straße« leiten. Während des Interviews sprechen die beiden enthusiastisch über die Details der Planung. Es wurde schnell deutlich, dass es sich um ein Herzensprojekt der beiden Architekten handelt.
In Findorff entsteht voraussichtlich bis 2029 der »Bildungscampus Dresdener Straße« für mehr Kinderbetreuung und Familienangebote im Dorff. Wie kam es zum besonderen Design des Bauprojektes, das Ihr Büro »GSP Architekten« betreut ?
Es gab vorab eine Machbarkeitsstudie. Als wir diese und die Gegebenheiten vor Ort analysiert hatten, stand für uns und das Umweltamt fest, dass ein ganz wichtiger Teil der vorhandene Baumbestand ist. Wir haben die Machbarkeitsstudie dann in Frage gestellt und uns für ein Konzept entschieden, das mehr Baumbestand schützt, bewahrt und minimal invasiv vorgeht. Der zweite Aspekt war, dass wir aufgrund der kleinen Fläche und des Bedarfs an einer großen Außenfläche einen möglichst kleinen Fußabdruck für das Gebäude gewählt haben. So haben wir uns für die dreigeschossige U-Form des Gebäudes entschieden, die sich um eine Eiche herum bildet. Das Gebäude vereint zwei Bereiche – auch das hat zu seiner besonderen Form geführt. Alles entstand in enger Zusammenarbeit mit »Kita Bremen« und dem Senator für Schule und Bildung, da es viele Anordnungen und Bedürfnisse zu berücksichtigen gilt. Wir haben mit der Architektin von »Kita Bremen« viele Kitas und Schulen besucht und auch mit Mitarbeitenden gesprochen, um herauszufinden, was besonders wichtig ist und woran es eventuell noch mangelt. Das war sehr hilfreich für die Konzipierung des Campus in Findorff.
Die Bäume am Standort sind eine Herausforderung. Welche Maßnahmen gibt es, um den Baumbestand zu schützen ?
Damit die Bäume den Bau gut überstehen wird Anfang 2026 bereits mit dem Beschneiden der Bäume begonnen. Dies muss behutsam erfolgen, damit sie sich gut anpassen können. Nicht nur oben in der Krone wird gearbeitet, auch die Wurzeln werden durch »Wurzelvorhänge« auf die Baumaßnahmen vorbereitet. Wir tun alles, damit der Erhalt nicht nur ein Wunsch bleibt, sondern Wirklichkeit wird und wir die Bäume gut durch die Baumaßnahmen bringen. Häufig genug passiert es, dass die Bäume erhalten werden sollen und nach dem Bau nicht überleben – das möchten wir verhindern.
Welche anderen Aspekte der Nachhaltigkeit wurden bedacht ?
Das Gebäude erhält eine Wärmepumpe sowie eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Besonders an dem Dach ist zudem, dass es ein Retentionsdach (»Gründach«) ist. Dabei handelt es sich um ein Flachdach, bei dem unter dem Substrat flache Volumenkörper liegen, die das Regenwasser aufnehmen, speichern und langsam wieder abgeben. Das kühlt das Gebäude zusätzlich, da die Speicher mehr Wasser aufnehmen können als das Grün allein. Außerdem ist es sinnvoll, da der Boden nicht besonders versickerungsfähig ist und wir schauen müssen, wie viel Regenwasser wir in die vorhandene Regenwasserentwässerung einführen können. Hier hilft das Dach, da das Wasser zunächst an Ort und Stelle gespeichert wird. Das Konzept entspricht einer »Schwammstadt«. Das Wasser wird gespeichert und zur Verbesserung des Mikroklimas vor Ort wieder abgegeben.
Eine weitere naturverbundene Besonderheit ist der »grüne Klassenraum«. Was genau hat es damit auf sich ?
Der »grüne Klassenraum« ist Teil der Außenraumgestaltung, wo der Boden so gestaltet ist, dass sich Schülerinnen und Schüler draußen zum Lernen hinsetzen können. So gibt es einen Ort, an dem Unterricht an der frischen Luft möglich ist, ohne dass man unbequem auf Spielgeräten oder dem Boden sitzen muss.
Wie weit ist die restliche Planung für den Außenbereich ?
Bisher haben wir die Verteilung und Anordnung der unterschiedlichen Nutzungsbereiche geplant sowie die dazugehörigen Spielkonzepte. Es gibt Sandbereiche, außerdem haben wir geprüft, wo Wasserzugänge möglich sind, falls diese gebraucht werden. Ein sehr beliebtes Baumhaus bleibt erhalten. Wir haben versucht zu bewahren, was zu bewahren ist. Die Feuerwehrzufahrt, die selbstverständlich befahrbar bleiben muss, soll zugleich spielerisch genutzt werden können – etwa als bemalte Bobbycar-Rennstrecke. Es war uns wichtig, dass die Elemente, die notwendig sind, trotzdem für die Kinder zugänglich bleiben, sodass es für sie ein schöner Ort ist.
Welche Elemente werden auf dem »Bildungscampus Dresdener Straße« besonders anpassungsfähig und flexibel sein ?
Die Mensa ist besonders flexibel, denn sie ist nicht nur Aula, sondern auch für Kita-Nutzung oder sogar für den Stadtteil zugänglich, jenseits der Schulnutzung. Insgesamt ist das ganze Gebäude so entwickelt, dass es sich der Zeit anpassen kann. Sollte in der Zukunft zum Beispiel mehr Bedarf an Kita-Flächen als für Klassenräume bestehen, könnte man diese so einsetzen. Wir haben bei unserem Entwurf darauf geachtet, dass alles modern und offen wirkt und etwas vom klassischen geschlossenen Klassenraum geht – so gibt es freiere Konzepte, wie Lernlandschaften auf den Fluren, sowie Bereiche, in die sich die Kinder zum Lernen zurückziehen können. Mit dem tageslichtdurchfluteten Flur schaffen wir so eine Lernmitte. Die Klassenräume verfügen jeweils über eine abgerundete Ecke, die zu einem fließenderen Eindruck des Flurs beiträgt und im Klassen-
zimmer Raum für eine individuelle Gestaltung bietet.
Welche Herausforderungen gab es noch bei der Planung ?
Es war etwas komplizierter, ein dreistöckiges Kita- und Schulgebäude zu entwerfen und in die Vertikale zu denken, denn Kita-Gebäude gehen vom Typus her aus praktischen und brandschutztechnischen Gründen eigentlich eher in die Fläche. Das war auf jeden Fall eine Herausforderung, die es zu meistern gab. Auch zwei verschiedene Nutzer, ihre Wünsche und zwei separate Adressen in nur einem Gebäude unterzubringen, hat sicherlich seine Schwierigkeiten mit sich gebracht. Der Außenbereich zum Beispiel vereint die Bereiche, muss jedoch klar durch Zäune getrennt sein. Da haben wir uns überlegt, diese zu gestalten und mit Spielgeräten zu verbinden. Alles muss ineinander übergehen und zusammenpassen – und das ist, soweit wir wissen, in dieser Form erstmalig in Bremen: Nach außen hin haben wir eine Synergie, innen ist jedoch alles so getrennt, wie es sein muss.
Wie barrierefrei wird der Campus sein ?
Es gibt zwei Stellplätze für Menschen mit Beeinträchtigung, direkt vor dem Zugang zum neuen Kinder- und Familienzentrum, sowie zwei Aufzüge an den umlaufenden Treppen. Das Gebäude ist mit einem Pflastersteinbereich umrahmt und somit mit dem Rollstuhl befahrbar. Das gesamte Gebäude ist barrierefrei erschließbar und so geplant, dass Menschen mit Beeinträchtigung dort arbeiten und die Kita oder die Schule besuchen können.
Das Außendesign zeichnet sich durch zwei Materialien aus: Holz und Klinkerstein. Wie kam es dazu ?
Die Klinkersteine im Erdgeschoss nehmen Bezug auf den sogenannten B-Trakt, damit nicht alles heterogen ist und die Verbindung zum Bestand bestehen bleibt. Auch das Fensterformat und die Aufteilung der Fenster sind angelehnt an das alte LIS-Gebäude. Ein zweiter Grund dafür, dass das Holz nicht bis zum Boden fortgeführt wird, ist, dass Stein einfach mehr vergibt und pflegeleichter ist. Wir wollten jedoch gerne Holz verarbeiten, und sind zufrieden mit der Lösung, angesichts der unterschiedlichen Anforderungen.
Gibt es jeweils einen persönlichen »Lieblingspart« am Design ?
Björn Groß: Mir gefällt die Aula mit der Mensa am besten, denn häufig wird diese Kombination zweigeschossig gestaltet, was hier nicht möglich war. Ich bin mir sicher, dass wir mit dem Spiel aus Raumhöhe und sichtbarem Tragwerk eine überzeugende Antwort gefunden haben. An sich bin ich aber allgemein sehr zufrieden mit dem Campus, da alles stimmig zueinander geworden ist.
Es gibt keine Ecke im Gebäude, die durch Zufall entstanden ist – jeder Meter ist mit Kita und Schule besprochen und durchdacht.
Jan Fuchs: Ein besonderes Gestaltungselement ist für mich die wiederkehrende abgerundete Ecke. Sie findet sich in den Schulbereichen oben, in der Kita unten in der hochfrequentierten Verkehrsachse und beim umlaufenden Balkon wieder. Dieser wird als sichtbares Material das gleiche Holz wie die Fassade erhalten, sodass er mit dieser eine gestalterische Einheit bildet. Der Balkon wird sich an der Fassadenseite befinden, die man durch den Baumbestand am meisten wahrnimmt – und das gefällt mir als Motiv sehr gut. Allgemein kann ich sagen: Kitas und Schulen zu bauen macht Freude. Etwas für Kinder zu entwickeln ist einfach schön – von den Spielgeräten bis zur Farbgestaltung und Materialwahl Das verlangt einen besonderen gestalterischen Zugang und scheint allen Spaß zu machen. Es handelt sich um einen absoluten »state-of-the-art« Bildungscampus, der das Thema Schule und Kita im Stadtteil modernisieren wird.
Welche Resonanz erhoffen Sie sich in Findorff ?
Wir denken, dass dies die Zukunft ist. Wir haben alles so entworfen, da wir von dieser Verbindung überzeugt sind. Für die Kinder sowie für die Eltern soll so eine Mitte geschaffen werden. Wir hoffen ebenso, dass die Anwohnenden zufrieden mit unserem Projekt sein werden, denn an sie haben wir viel gedacht. Es fanden mehrere Abstimmungen statt, um ihre Anliegen zu erörtern. So wurden beispielsweise zwei Schallschutzgutachten erstellt, nach denen gehandelt wurde, um die Störungen minimal zu halten. Wir würden sagen, dass es nach den Baumaßnahmen eine positive Entwicklung für die Anwohnenden sein sollte.
Wann beginnt der Bau – und ab wann kann mit dem fertigen Campus gerechnet werden ?
Im Sommer 2026 beginnt der Bau mit dem Abriss des Horthauses, welches aktuell nicht mehr genutzt wird. Die ersten Bewegungen haben bereits im Februar mit der Vorbereitung der Bäume begonnen. Mit der Fertigstellung des gesamten Campus rechnen wir 2028/2029.
Mehr Informationen gibt es unter www.architekten-gsp.de
Interview: Lilli Schmitz, Foto © Fotos: Bildungscampus, Außen- und Innenperspektive, 1. OG, alle GSP Architekten, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 37, 2026

