Architektin und Altbauexpertin Ute Dechantsreiter beschäftigt sich mit der Bestandsbewahrung und der nachhaltigen Sanierung von Gebäuden. Sie setzt sie sich in mehreren Forschungsprojekten für den bewussteren Umgang mit Gebäuden und der Wiederverwendung von Bauteilen ein. Dechantreiter ist Mitbegründerin der 2001 in Bremen eröffneten ersten Bauteilbörse Deutschlands sowie Initiatorin und geschäftsführender Vorstand des bundesweiten Netzwerkes »Bundesverband bauteilnetz Deutschland e. V.«. Die Architektin wohnt seit vielen Jahren mit ihrem Mann in einem schönen, alten Reihenhaus an einem verwunschenen Weg in Findorff.
Moin, Ute ! Du hast den »Bremer Klimaschutzpreis« 2025 aufgrund deines Einsatzes für eine nachhaltigere Baubranche gewonnen. Herzlichen Glückwunsch ! Ein wichtiger Part für ein grüneres Morgen ist Baustoffrecycling. Was genau kann man darunter verstehen ?
Baustoffrecycling ist ein weit gefasster Begriff, der sich eher auf die Zerkleinerung und Aufbereitung bezieht, woraus ich einen Sekundärrohstoff erhalte, den ich wieder einsetzen kann. Ziegel können zum Beispiel zu Granulat geschreddert und im Straßenunterbau verwertet werden. Wenn ich den Stein jedoch als Stein wiederverwende, so spricht man nicht von Recycling, sondern von der direkten Wiederverwendung. Wiederverwenden kann man vieles – von Bodendielen bis zu Heizkörpern. Die Bewahrung und Wiederverwendung sollte das erste Ziel sein. Recycling ist eher ein nächster Schritt.
Nachhaltige Baupraktiken in der Branche zu etablieren bedeutet bei Bauvorhaben Ressourcen zu schonen und Materialmengen zu reduzieren. Kannst du dies am Beispiel erklären ?
Bisher bedeutete Energie sparen oder Ressourcen schonen, dass ich bei einer Sanierung lediglich die Gebäudehülle gut einpacke, also bei der Modernisierung auf hohe Dämmqualität im Dach, in der Wand und in den Fenstern achte und eine effiziente Technik einsetze. Das sind sehr gute Maßnahmen. Wenn ich jetzt noch darauf achte, dass ich beispielsweise für die Dämmung nachwachsende oder recycelte Rohstoffe nutze und möglichst gut erhaltene, gebrauchte Bauteile wieder einsetze, sind das Wege noch nachhaltiger zu handeln, ohne viel mehr Geld in die Hand nehmen zu müssen. Wer neu baut, sollte am besten so bauen, dass das Bauwerk demontierbar ist, denn nur so ist es reparatur- und wartungsfreundlich. Robuste Konstruktionen sind im allgemeinen pflegeleichter und dadurch im Laufe ihres Daseins in der Unterhaltung auch kostengünstiger.
Gibt es Materialien oder Bautechniken auf die beim Hausbau verzichtet werden sollte ?
Ja, auf alle Techniken wie verkleben, verschäumen und vergießen. Diese Bauweise ist nicht mehr »up-to-date«. Wer heute neu baut, sollte kreativ über zirkuläres Bauen nachdenken. Konstruk-
tive, trennbare Verbindungen haben wir irgendwie verlernt. Ein einfaches Beispiel ist das Baukastenprinzip unserer alten Fachwerkhäuser. Wenn wir die Idee dieser Technik, die das Material auch für nachfolgende Generationen sichert, in die Moderne übertragen, haben wir alles richtig gemacht.
Du hast die Bauteilbörse in Bremen mit gegründet. Wie kam es dazu und was genau passiert dort heute ?
Von 1988 bis 1992 habe ich ein Forschungsprojekt geleitet, das erforschen sollte, wie man es schaffen kann in eine Sanierung gebrauchte Bauteile zu integrieren. Am Ende dieses erfolgreichen Vorhabens entstand bei mir die Idee, eine Bauteilbörse aufzubauen. Zehn Jahre später konnten wir in einem Kreis von KollegInnen, Handwerksbetrieben und ArchitektInnen diese Idee auch umsetzten: Wir haben vor 25 Jahren den Verein »Alt-Bauteile Bremen e.V.« gegründet , der noch heute der Trägerverein der Bauteilbörse ist. Wer sein Haus sanieren möchte findet in der »bauteilbörse bremen« in der Getreidestraße 16/18 Historisches und Modernes als qualitative, funktionstüchtige und besondere Bauteile. Neben dem Lager gibt es auch einen digitalen Bauteilkatalog, jederzeit online einsehbar. Reservierungen sind möglich. Noch ein Tipp von mir: Nutzt zunächst die kurzen Wege ! Frag‘ doch mal nebenan, ob deine alten Güter dort vielleicht ein neues Zuhause finden. Und wenn nicht, dann lohnt sich eine Info an die Bauteilbörse.
Was gibt es für Hindernisse für Bauprojekte, die Bauteile wiederverwenden oder recyceln möchten ?
Das größte Problem ist die sichere Verfügbarkeit der Materialien. In Norddeutschland kommt man zum Beispiel – im Gegensatz zu Baden Württemberg – sehr schwierig an regional hergestellten Recyclingbeton. Für den Einsatz von konstruktiven Althölzern und weiteren mineralischen Sekundärbaustoffen fehlen Anwendungsfälle und Standards. Um Planungssicherheiten für alle Beteiligten zu schaffen wäre es notwendig, dass die öffentlichen Träger und die Kommunen vorangehen und bevorzugt Sekundärmaterial bei Bauvorhaben ausschreiben. Wir müssen dafür sorgen, dass Angebot und Nachfrage in den Regionen vernetzt werden. Dafür steht unser Projekt »bau circle«, bei dem 60 Unternehmen, Kommunen und Verbände beteiligt sind. Mit dem Bündnis »Kreislaufwirtschaft Bauwesen Metropolregion Nordwest« versuchen wir eine zirkuläre Bauwirtschaft zu etablieren, um es dann auch für andere Regionen übertragbar zu machen. Eine weitere Schwierigkeit sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Wiedereinsatz von gebrauchten Materialien, auch wenn sie der Qualität von Neumaterial entsprechen. Diese Wege sind für uns immer noch nicht einfach. Der Wille ist da, aber es scheitert noch immer an der Umsetzung. Es muss in den einzelnen Kommunen Standards für den Wiedereinsatz von Materialien geben, damit diese bspsw. bei Baugenehmigungen einfach nur abgehakt werden können.
Stell dir vor, du könntest an die Baubranche einen Aufruf machen und alle hören zu. Wie würde dieser lauten ?
Ich würde den Aufruf so formulieren: Kreislaufwirtschaft ist ein Grundsatz, der in jedes Unternehmen gehört. Kreislaufwirtschaft im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie, Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander zu verbinden funktioniert aber nur, wenn alle im Unternehmen oder am Bau Beteiligten mitmachen. Jedes Unternehmen sollte seine bisherigen oft linearen Prozesse partizipativ hinterfragen. Dabei zählt jeder kleine Schritt der Veränderung hin zu einer zirkulären Baukultur.
Die nachhaltige Beschaffung der Materialien und der Verzicht auf Verpackungsmaterial wären ein Anfang.
Euer Haus in Findorff habt ihr auch nachhaltig saniert. Was genau habt ihr alles gemacht ?
Erst einmal war der Erhalt und die Aufwertung der Bausubstanz das Ziel. Die ganze Familie hat geholfen – und sehr gut, dass mein Mann Tischlermeister ist. Für die Modernisierung des Daches haben wir Dämmstoffe aus Zellulosefasern und Holzweichfaserplatten verwendet. Wir haben das Dach begrünt und mit einer Solaranlage versehen. Die Holzfenster und die Haustür wurden nach altem Vorbild mit Sprossen neu gefertigt. Alle Siebziger Jahre Innentüren wurden durch gebrauchte, aufgearbeitete Türen aus einem Wohnhaus auch aus Findorff ersetzt. Ebenso wurden Innentüren von einem direkten Nachbarn als Wandverkleidung im Flur eingebaut. Die Küchentür mit geschliffenen Gläsern, heute umgeändert als Schiebetür, war im ersten Leben eine Windfangtür im Bremer Viertel. Die Fußböden im Erdgeschoss sind Eichenparkett und 2. Wahl. Wir haben alle Wände in den Wohnräumen und auch im Bad mit Lehmputz versehen, teilwiese 5 cm dick auf Wandheizungssystemen. Unser Sonnenschutz auf der Südseite besteht aus Werbebannern einer Bremer Messe. Das Regenwasser wird auf der Rückseite im Garten gesammelt. Auch kleine Dinge machen Sinn.
Du wohnst in Findorff. Hast du hier ein Lieblingsgebäude ?
Ja, das habe ich tatsächlich: Es ist der Fabrik- und Kontorbau der ehemaligen Bremer Stuhlrohr-Fabrik Menck, Schultze & Co. in der Admiralstraße/Ecke Herbststraße. Um 1890 gebaut wurden in dem roten Backsteinbau einst Stühle geflochten. Das rote Backstein-Gebäude finde ich architektonisch sehr gelungen. Welches Gebäude ich auch sehr markant fand sind die Auswandererhallen von Friedrich Missler, aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts und später genutzt als »Findorff Krankenhaus«. Die wurden von 1986 bis 1987 abgebrochen. Heute steht dort eine Seniorenresidenz und das »Eiscafé Cercena«. Wir haben dort Heizkörper für das »Heinrichstraßenprojekt« ausgebaut. Und natürlich ist die bunte Vielfalt der Bremer Häuser im Stadtteilbild von Findorff nicht wegzudenken.
Gibt es einen Grund, warum du die so ästhetisch findest ?
Alle Gebäude zeugen von einer besonderen Handwerkskunst und Baukultur. Auf die äußere Gestalt wurde damals viel Wert gelegt. Wenn du dir nur ansiehst, wie der Stein der Bremer Stuhlrohrfa-
brik im Licht changiert – ein solches Material, das bei Lichteinfall und Blickwinkel die Farbe ändert, wird heute beim Bauen weniger eingesetzt. Aufwendige Mauerwerksverbünde und Fassaden-
stuckelemente werden in der Form nur noch selten hergestellt.
Du engagierst dich zu vielen interessanten Themen. Magst du uns von einem aktuellen Herzensprojekt erzählen ?
Aktuell ist mir eine Aktion vom »Bundesverband bauteilnetz Deutschland« sehr wichtig. Es werden gebrauchte Fenster in die Ukraine geschickt, um den Wiederaufbau von Häusern, die durch den Krieg zerstört wurden, zu unterstützen. Hierfür benötigen wir noch Spenden. Ich setzte auf die FindorfferInnen. Der 1. Transport soll bis Ende Dezember 2025 stattfinden – und weitere sollen in Kooperation mit »re-win« in der Schweiz folgen.
Du hast in diesem Jahr den »Bremer Klimaschutzpreis« verliehen bekommen. Bekommt der bei dir einen Ehrenplatz ?
Der Preis steht bei mir im Büro im Schaufenster. Ich bin schon darauf angesprochen worden. Die gläserne Erdkugel bedeutet für mich eine große Wertschätzung meiner Arbeit und Aktivitäten. Es war
wichtig, ihr einen prominenten und guten Platz zu geben.
Mehr auf www.architektin-dechantsreiter.de und www.bauteilboerse-bremen.de
Interview: Lilli Schmitz, Foto © Kerstin Rolfes, Interview erschienen in Ausgabe Nr. 36, 2025
