Fotos: © Findorff Verlag
Der neue SPD-Flyer für Findorff fällt auf fruchtbaren Boden. Beziehungsweise: Er hängt derzeit im Infokasten an der Herbststraße/ Eickedorfferstraße – dreigeteilt und seltsamerweise angeordnet in christlicher Kreuzsymbolik. Aber nicht nur die irgendwie zerrissene Anordnung wirkt auf die BetrachterInnen verstörend. Auch visuell und vor allem inhaltlich wird es mehr als spooky.
Was sehen wir? Ein kindlich-verspieltes Layout, natürlich nicht in einer Kitagruppe zusammengeklebt, sondern vermutlich in einem Grafikhilfsprogramm für SchülerInnen absolut professionell und ansprechend umgesetzt! Gefällt – auch weil man auf viel Text verzichtet und stattdessen Bilder und infantile »Geschafft« Stempeltypografie sprechen lässt.
Was lesen wir inhaltlich? Wir lesen kurz und knapp ALLES über die »größten Erfolge« der Findorffer Sozialdemokraten in diesem Stadtteil – und was sie in der offensichtlich bereits begonnenen WAHLKAMPFZEIT noch alles vorhaben.
Machen wir unerbittlich den Faktencheck: Stimmen die Aussagen der SPD in Findorff in dem lustigen Flyer? Sind die lokalen Sozialdemokraten wirklich so toll, wie es uns dieser irgendwiezsammengebastelten Flyer auf einem erfrischend naiv-kindlichen, lokalpolitischen Niveau mitteilt? Los geht es:
1. Geschafft: Sichere Schulwege: Neue Signalsetzung auf den Schulwegen
Tatsache ist: Es gibt im Stadtteil minimale Verbesserungen. Neue Signalsetzung? Denkste? Ampeln kann sich Bremen gar nicht leisten. Zebrastreifen erfahren momentan zumindest verbal ein Comeback, wurden aber nirgendwo umgesetzt. Wo in Findorff sichere Schulwege umgesetzt wurden, die als Gehwege im Stadtteil massenweise ( und ziemlich unsicher für die Kinder) zugeparkt werden, erfahren wir nicht. Woran beantragt wurden sichere Schulwege übrigens von einem Elternvertreter als FDP-Mitglied im Beirat Findorff. Wenn es Verbesserungen gab im Stadtteil, ist es ein gemeinsamer Beschluss aller Parteien im Beirat gewesen, aber nicht der alleinige Verdienst der lokalen SPD.
2. Geschafft: Top Bildung! Der Weg ist frei ! Für den Neubau Schule/Kita Am Weidedamm
Tatsache ist: Es wird einenBau in Findorff geben, der voraussichtlich 2029 fertiggestellt wird. Der heißt übrigens »Bildungscampus Bremen«. FINDORFF GLEICH NEBENAN berichtete ausführlich zu den Details der Planungen. Aber: Wenn es eine neue Kita oder ein neues Kitadach gibt, ist das nicht der Erfolg der lokalen SPD. Die kann, wie alle anderen politischen MitbewerberInnen auch, solche Projekte nur lokalpolitisch unterstützen. Was es gab Findorff, ist es ein gemeinsamer Beschluss aller Parteien im Beirat gewesen, aber nicht der alleinige Verdienst der lokalen SPD.
3. Geschafft: Mehr Grün, mehr Klima-Schutz: Erhebliche Geldmittel gehen in den Erhalt der Bäume
Tatsache ist: Diese Überschrift ist zynisch. In Findorff wurden zahllose Bäume gefällt – ohne ersetzt zu werden. Mehr lesen: https://www.findorff-gleich-nebenan.de/magazin/bremen/politik/ulf-jacob/
Wie sieht es mit dem dringend notwendigen Baumschutz der noch vorhandenen Stadtbäume im Stadtteil aus? In Findorff wurden in den letzten Jahren insgesamt gerade einmal lächerliche vier Bäume am Findorffmarkt fachgerecht geschützt und entsiegelt. Ansonsten wurden bereits kranke Bäume abgeholzt. Auch von echtem Klimaschutz als propagierter Schwammstadtteil ist Findorff meilenweit entfernt.
Auch der minimale Baumschutz für Findorff ist es ein gemeinsamer Beschluss aller Parteien im Beirat gewesen, aber nicht der alleinige Verdienst der lokalen SPD. Der fatale Zustand zahlreicher Bäume in Findorff wurde tatsächlich 2024 durch einen BürgerInnenantrag aufgedeckt, der auf die dringende Notwendigkeit des Baumschutzes in Findorff hinwies. Dieser Antrag stieß auf einstimmige Unterstützung im Beirat. Er führte immerhin zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. Mangels irgendeiner finanzielle Unterstützung seitens der GRÜNEN Umweltbehörde entschloss man sich im Bauausschuss 2024 in der üblichen (Finanzierungs)not Mittel von ca. 50.000 Euro aus dem Stadtteilbudget zu nutzen.
Was war nach dem Bürgerantrag von 2024 ursprünglich versprochen worden? Die geplanten Maßnahmen sahen vor, die Bäume auf dem Wochenmarktplatz wie vorgeschrieben zu sichern, gefolgt von der Eickedorfer Straße und der Herbststraße. Diese waren mit dem Antrag ausführlich dokumentiert im für ca. 60 ungeschützte Bäume an den drei Stadtorten im Stadtteil.
Die eigentlich geplanten Maßnahmen sind 2026 akut gestoppt worden: Die Kosten der Umsetzung der Maßnahmen aus dem Stadtteilbudget für die ersten vier Bäume hatten sich seit Beschluss verdoppelt, was der Beirat laut Sprecher erst NACH der Umsetzung erfahren haben will. Warum man nicht VOR der Umsetzung über die massive Kostensteigerung zum Angebot von 2024 informiert wurde, konnte auf Nachfrage nicht beantwortet werden.
Was man dazu noch wissen sollte: Laut der Experten-Prognose im »Weser Kurier« von Günter Brandewiede, Referatsleitung Umweltbetrieb Bremen, haben viele Bäume in Findorff noch »eine maximale Restlebenszeit von zehn Jahren«.
Finde den Fehler!
Die urspünglichen Versprechen in schönen Worten, insbesondere der SPD im Beirat, die zeitweise 200.000 Euro für Baumschutz ins Spiel gebracht hatte, haben sich leider angesichts der aktuellen Entwicklung nahezu komplett als FARCE herausgestellt: https://spd-findorff.de/2025/02/spd-findorff-treibt-den-baumschutz-voran/
4. Geschafft: Neue Fahrradstellplätze z. B rund um den Findorffmarkt
Tatsache ist: Ja, es gibt mehr Fahrradbügel in Findorff, allerdings nicht »rund« um den Findorffmarkt. Das es inzwischen mehr Fahrradbügel gibt in Findorff ist nicht Verdienst der lokalen SPD, sondern ein Verdienst der zahlreichen BürgerInnen, die diese beantragen. Der Beirat Findorff hat macht es diesen BürgerInnen nicht leicht: Man hat für die Zustimmung im Beirat ein bürokratischen Monster an Voraussetzungen aus dem Jahr 2000 reaktiviert, das es für AntragsstellerInnen zu bewältigen gilt.
Kurzum: Der Beirat Findorff, der die Verkehrswende übrigens verbal befürwortet, hat sich bürokratisch und kleingeistig völlig verrannt.
Die gute Nachricht ist: Niemand muss und sollte einen Antrag für Fahrradbügel über den Beirat Findorff stellen. Das wäre einfach saudumm nervig. Wer den Antrag für Fahrradbügel DIREKT beim Amt für Straßenverkehr (ASV) stellt, kann sich das gesamte Bürokartiemonster des aktuellen Beirats sparen. Tatsache ist: Ausschließlich das Amt für Straßen und Verkehr ist als Baulastträger zuständig für die Aufstellung und Unterhaltung von Fahrradbügeln – und nervtötende Befragungen der Nachbarschaft durch die Antragsstellenden, ob das rechtlich zulässige Aufstellen von Fahrradbügeln auch von allen gewünscht ist, nimmt dort zurecht niemand vor. Die Aufstellung oder Nichtaufstellung erfolgt allein aufgrund von klaren Regeln des Amtes für Straßen und Verkehr.
Der Beirat, der mit zusätzlicher Büroktatie statt Bürokratieabbau agiert, ist raus – und das ist bei dieser lokalpolitischen Anmaßung auch gut so.
5. Geschafft: mehr Licht im Findorfftunnel mehr SICHERHEIT
Tatsache ist: Mt diesem »Erfolg« wird es seitens der SPD in Findorff endgültig seltsam. Die Auswechslung der Beleuchtung im Findorfftunnel wurde maßgeblich von der Initiative LEBEN IN FINDORFF https://www.findorffaktuell.de/findorff-aktuell/bau-stadtentwicklung/tunnelblick-2020/ und von den GRÜNEN im vorherigen Beirat Findorff forciert – und bereits 2023 von der Umweltbehörde unter der grünen Senatorin Maike Schaefer nach jahren umgesetzt. https://www.asv.bremen.de/findorff-tunnel-erstrahlt-im-neuen-licht-17706
Den Tunnel zu verbessern ist ebenfalls ein gemeinsamer Beschluss aller Parteien im Beirat gewesen, aber bestimmt nicht der Verdienst der lokalen SPD.
6. Geschafft: Erhalt Arbeitsplätze GESTRA. Belegschaft beim Kampf unterstützt
Tatsache ist: Das die Arbeitsplätze bei GESTRA erhalten bleiben ist in erster Linie ein Verdienst der schlauen Betriebsräte und GewerkschafterInnen der IG MetalI, die der Unternehmensführung ein nachhaltiges Zukunftskonzept für das Unternehmen vorgelegt hatten – wobei die MitarbeiterInnen von GESTRA von allen Parteien im Beirat Findorff unterstützt wurde. Das die lokale Findorffer SPD die Belegschaft beim Kampf ebenfalls unterstützt hat, ist hoffentlich eine SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT, aber sicherlich kein politischer Erfolg, den man sich auf die eigene Parteifahne schreiben sollte.
7. Geschafft: Parkplätze für uns Bürger erhalten
Tatsache ist: Die in weiten Teilen ziemlich Auto affine SPD kann illegale Parkraummöglichkeiten in Form von zugeparkten Gehwegen immer noch nicht von legalen Parkplätzen unterscheiden. Illegale Parkmöglichkeiten werden im Rahmen der Parkraumneuordnung in den Quartieren zukünftig wegfallen, legale Parkplätze bleiben laut Mobilitätssenatorin aber alle erhalten.
Was sagt Experte Guido Hanslik? »Für die Quartiersebene heißt es amtlich dagegen ausdrücklich, dass sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen lässt, wie viele Fahrzeuge in den einzelnen Quartieren künftig weniger parken können; das sei erst Ergebnis von Parkraumuntersuchungen und der darauf aufbauenden Planung. Aus meiner Sicht wird hier also ein möglicher Straßen-Einzelfall zu einer allgemeinen Erwartung für ganze Quartiere ausgeweitet.« Mehr lesen: https://www.findorff-gleich-nebenan.de/zwischenruf/faktencheck-zu-zehn-aussagen-der-initative-mobilt%C3%A4tsfrieden-f%C3%BCr-bremen/
Das die legalen Parkplätze erhalten bleiben ist erklärter Anspruch des SPD-Mobilitätsressorts, aber bestimmt nicht der Verdienst der lokalen SPD in Findorff die hier bewusst verdummt.
Was möchte die lokale SPD in Findorff zukünftig noch umsetzen?
Genannt wird eine leicht wirre Aufzählung von überwiegend ewigen sozialdemokratischen Zielsetzungen in Bremen, auf die man aber auf lokaler Ebene so gut wie gar keinen Einfluss hat.
Siehe Fotos oben.
Fotos: © Findorff Verlag
Lügt die SPD Findorff wie »gedruckt«? Natürlich nicht.
Aber offensichtlich lebt man in einer seltsamen Wahrnehmungsblase über die eigenen »größten Erfolge«, die in Wahrheit dreist von der SPD vereinnahmte kleine Fortschritte im Stadttteil aller Parteien im Beirat Findorff sind. Hinzu kommt eine fatalen Selbstüberschätzung über die tatsächlichen Möglichkeiten von sozialdemokratischen LokalpolitikerInnen.
Besonders bemerkenswert in dieser Dreistigkeit: Die SPD in Findorff, die übrigens für die Verkehrswende ist, möchte mehr Parkraum generieren – nur wo und wie? Die jahrelang propagierte Parkamorgana von einer Quartiersgarage für Findorff kommt inzwischen aber nicht mehr vor. Wenigstens hier gab es anscheinend einen begrenzten Erkenntnisgewinn aus der aktuellen Studie der SPD-Mobilitätssenatorin.
Viel vor? Na, dann mal los, SPD Findorff!
PS: Zur rechtlich vorgeschriebenen Impressumspflicht mit AnsprechpartnerInnen wollen wir nicht auch noch viele Worte verlieren. Weil: Wenn völlig stümperhaft, dann richtig – und wer möchte für diesem lokalpolitischen Bastelflyer schon ernsthaft mit Namen die Verantwortung übernehmen?
Text: Mathias Rätsch, www.raetsch.de, Fotos: © Findorff Verlag



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